Ex-Kommandant von Mauthausen von befreiten Häftlingen hingerichtet – Historische Aufnahmen dokumentieren brutale Vergeltung
Die nackte Leiche des ehemaligen Lagerkommandanten Franz Ziereis hing tagelang am Stacheldrahtzaun des befreiten Konzentrationslagers Gusen. Diese ikonischen Aufnahmen dokumentieren den brutalen Schlusspunkt einer sechsjährigen Herrschaft des Terrors im KZ Mauthausen. Befreite Häftlinge vollzogen an ihrem Peiniger eine umgekehrte Hinrichtung.
Amerikanische Truppen der 11. Panzerdivision fanden die verstümmelte Leiche am 5. Mai 1945 vor. Der Körper war entkleidet, mit einem in Blut gemalten Hakenkreuz auf dem Rücken markiert und tief in den Draht verstrickt. Es war das Ende des Mannes, der das Lager der Stufe III – Vernichtung durch Arbeit – persönlich verkörperte.
Ziereis war nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes in Zivilkleidung geflohen. Ehemalige polnische Häftlinge identifizierten ihn am 23. Mai in den österreichischen Bergen. US-Soldaten eröffneten das Feuer und verletzten ihn tödlich. Nach seinem Geständnis im Lazarett starb er am 24. Mai.
Sein Tod löste eine unmittelbare soziale Umkehrung aus. Überlebende Häftlinge ergriffen die Macht auf dem Gelände. Sie zogen die Leiche des Kommandanten aus und hängten sie an jener Infrastruktur auf, die er selbst zur Vernichtung Zehntausender genutzt hatte. Der Stacheldrahtzaun, einst tödliche Barriere, trug nun seinen Schöpfer.
Diese Vergeltung war kein isolierter Akt. Im befreiten Lager jagten ehemalige Insassen systematisch Kollaborateure und verbliebene SS-Wachen. Capos wurden ertränkt oder erstochen. SS-Männer wurden in den berüchtigten Steinbruch von Mauthausen getrieben und zur Zwangsarbeit gezwungen – ein exaktes Spiegelbild ihrer eigenen Grausamkeiten.
Die US-Armee beobachtete diese Übergangsjustiz weitgehend schweigend. Sie hatte das Ausmaß des Horrors vorgefunden, den Ziereis geleitet hatte. Der chemische Geruch der Gaskammern lag noch in der Luft. Auf dem Appellplatz lagen Leichen erfrorener Häftlinge.
Mauthausen war ab 1938 als industrieller Vernichtungsbetrieb konzipiert. Sein Herzstück war der Wiener-Graben-Steinbruch. Häftlinge schleppten 50-Kilogramm-Blöcke 186 Stufen hinauf. Die SS kalkulierte physische Zusammenbrüche und tödliche Kettenreaktionen kaltblütig ein. Diese “Fallschirmspringerwand” war eine Hinrichtungsstätte.
Unter Ziereis’ Kommando erreichte die Bürokratie des Todes ihren Höhepunkt. Lagerärzte wie Eduard Krebsbach töteten mit Phenol-Injektionen ins Herz. Andere, wie Erich Briebke, führten grausame medizinische Experimente durch, sezierten bei Bewusstsein und sammelten Schädel als Trophäen.

Die systematische Unterernährung war ein Kalkül. Die Rationen von oft nur 600 Kalorien garantierten den langsamen Tod. Ein Schwarzmarkt für menschliches Fleisch entstand. Die Gesellschaft im Lager kollabierte vollständig unter dem organisierten Hunger.
Dokumentiert wurde dieser Albtraum heimlich durch den spanischen Häftling Francisco Boix. Im SS-Fotolabor angeworben, fertigte er heimlich Duplikate tausender Negative an. Diese Bilder wurden später in den Nürnberger Prozessen zu unwiderlegbaren Beweisen für systematische Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Die Basis für dieses System war öffentlich gelegt worden. Beim “Anschluss” Österreichs 1938 jubelten Massen. Sofort begann der öffentliche Terror, wie die “Reibpartien” gegen jüdische Bürger zeigten. Diese bürgerliche Gewaltbereitschaft transferierte direkt in die Lagerverwaltung.
Ziereis lebte mit Frau und Kindern in einer Vorstadtvilla innerhalb des Lagerperimeters. Sein Sohn übte das Schießen an lebenden Häftlingen. Die Normalität des Mordens war allgegenwärtig. Die lokale Bevölkerung profitierte direkt, indem Gauleiter Eigruber die Hälfte der Häftlingsrationen umleitete.
Bis zum bitteren Ende funktionierte die Vernichtungslogistik. Noch im April 1945 selektierte und tötete die SS 3000 kranke Häftlinge, um Platz zu schaffen. Die Gaskammer wurde bis zum 28. April betrieben. Dann brach das System unter dem Ansturm evakuierter Häftlinge und der heranrückenden Front zusammen.
Die demografische Bilanz ist vernichtend. Von rund 197.000 registrierten Häftlingen starben etwa 95.000 – fast jeder Zweite. Sie starben durch Arbeit, Gift, Kälte, Hunger oder Genickschuss. Mauthausen war, wie von der SS geplant, eine Todesfabrik.
Die Leiche von Franz Ziereis am Stacheldraht wurde zum finalen Symbol für den kompletten Kollaps dieser Ordnung. Die Aufnahmen seiner Hinrichtung sind keine Bilder simplen Siegestaumels. Sie sind ein düsteres Dokument der unmittelbaren Vergeltung und des moralischen Abgrunds, den das nationalsozialistische Regime in Europa hinterließ.
Die historischen Aufnahmen, die diesen Bericht belegen, überdauerten in Archiven. Sie zeugen von der Grausamkeit der Täter, dem Leiden der Opfer und der rohen Gerechtigkeit in den ersten Tagen der Freiheit. Sie mahnen, wie schnell eine Gesellschaft in die Barbarei abgleiten kann – und welche unauslöschlichen Spuren dies hinterlässt.