Die libysche Wüste wurde am 20. Oktober 2011 zum Schauplatz des brutalen Endes einer vier Jahrzehnte währenden Herrschaft. Muammar al-Gaddafi, der sich monatelang den Rebellen und NATO-Luftschlägen widersetzt hatte, wurde nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus seiner belagerten Heimatstadt Sirte von Aufständischen gefasst und getötet. Sein Tod markiert das finale, chaotische Kapitel des libyschen Bürgerkriegs.
Nach dem Fall von Tripolis im August war Sirte Gaddafis letzte Bastion. Eingekesselt von Truppen des Nationalen Übergangsrats und unter ständiger Beobachtung durch NATO-Aufklärung, harrte der Diktator mit einem schwindenden Kreis von Getreuen in den Trümmern der Stadt aus. Die Lebensbedingungen waren verzweifelt, die Versorgungslage katastrophal.
In der Nacht zum 20. Oktober unternahm Gaddafi einen verzweifelten Ausbruchsversuch. Ein Konvoi aus etwa 50 Fahrzeugen, darunter Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren, bewegte sich im Schutz der Dunkelheit aus der Stadt. An Bord befanden sich Gaddafi, sein Sohn Mutassim, Verteidigungsminister Abu Bakr Yunis Jabir und weitere hochrangige Loyalisten.

Ihr Plan, über eine Wüstenroute nach Süden zu entkommen, scheiterte früh. NATO-Aufklärungsdrohnen hatten die Kolonne bereits im Visier. Am frühen Morgen griffen Kampfflugzeuge und eine US-Predator-Drohne den Konvoi an den westlichen Ausläufern von Sirte an. Hellfire-Raketen und lasergelenkte Bomben trafen die Fahrzeuge, brachten sie zum Stehen und lösten Panik aus.
Die Überlebenden, darunter der verletzte Gaddafi, flohen zu Fuß und versteckten sich in einem großen Betonabflussrohr neben der Straße. Doch ihr Versteck wurde schnell von heraneilenden Rebellenkämpfern aus Misrata entdeckt. Sie zogen den blutenden und desorientierten Diktator ins grelle Sonnenlicht.

Was folgte, war ein Akt unkontrollierter Gewalt. Gaddafi wurde auf die Ladefläche eines Pick-ups geschleift und von einer aufgebrachten Menge umringt. Handy-Videos dokumentierten, wie er mit Fäusten, Stöcken und Gewehrkolben traktiert wurde. Die Bilder gingen um die Welt und zeigten einen schwer blutenden, wehrlosen Mann.
Der genaue Todeszeitpunkt und die Umstände der tödlichen Schüsse bleiben bis heute ungeklärt. Medizinische Berichte bestätigten später, dass Gaddafi durch Schüsse in Kopf und Bauch starb. Er wurde nie einem formellen Gerichtsverfahren zugeführt. Sein Leichnam wurde nach Misrata gebracht und dort drei Tage lang öffentlich zur Schau gestellt.
Auch sein Sohn Mutassim und Verteidigungsminister Jabir überlebten die Gefangennahme nicht. Am 23. Oktober erklärte der Nationale Übergangsrat offiziell das Ende des Krieges. Gaddafis Leichnam wurde schließlich in der Nacht zum 25. Oktober an einem geheimen Ort in der libyschen Wüste beigesetzt.
Das gewaltsame Ende Gaddafis spiegelt die Brutalität des von ihm angeführten Regimes und des anschließenden Bürgerkriegs wider. Es beendete eine Ära, hinterließ aber ein tief gespaltenes Land und offene Fragen über Rechtstaatlichkeit und die Zukunft Libyens. Die letzten Stunden des “Bruders Führers” waren so chaotisch und grausam wie der Sturm, der ihn hinwegfegte.