Teheran, 1. Februar 1979 – Während Millionen den zurückkehrenden Ayatollah Khomeini auf den Straßen bejubeln, beginnt in den Hinterzimmern der Hauptstadt eine beispiellose Welle staatlicher Hinrichtungen. Ohne Übergangsphase ersetzt das neue Regime das gesamte Rechtssystem durch ein willkürliches Tribunal-System, das binnen Stunden Todesurteile fällt und vollstreckt. Die zivile Ordnung zerbricht in dieser Nacht.
Spontan gebildete Erschießungskommandos übernehmen die Kontrolle. Milizen blockieren Kreuzungen, zerren ehemalige Beamte des Schah-Regimes aus ihren Autos und stellen sie an die nächste Hauswand. Das metallische Klicken geladener G3-Sturmgewehre wird zum Soundtrack des Morgengrauens. Es gibt keine Gerichtsverfahren, keine Verteidiger.
Bereits am 15. Februar 1979 liefert das erste Revolutionsgericht unter Richter Sadegh Khalkali seine ersten Ergebnisse. Die Verfahren dauern weniger als sechzig Minuten, Anwälte sind nicht zugelassen. Vage Vorwürfe wie „Korruption“ oder „Verrat“ genügen für das Todesurteil. Die Vollstreckung folgt unmittelbar.
Als Hinrichtungsstätte dient ein gewöhnliches Schuldach in Teheran. Hochrangige Generäle werden aus dem improvisierten Gerichtssaal direkt dorthin eskortiert. Schützen stellen sich in einer Linie auf. Das System funktioniert roh, aber absolut tödlich. Jeder städtische Raum wird potenziell zum Schafott.
Die neue Macht macht den Tod zur öffentlichen Schau. Zeitungstitelseiten zeigen Bilder der Leichen, das staatliche Fernsehen überträgt schwarz-weiße Aufnahmen von durchsiebten Körpern. Die öffentliche Zurschaustellung folgt einer eiskalten Logik: Aus lokalen Exekutionen wird ein landesweites Instrument der totalen Kontrolle.

Bis 1981 verschwindet das Chaos der ersten Tage. Der Staat macht das Töten zur bürokratischen Routine. Das berüchtigte Evin-Gefängnis, einst vom Schah für politische Feinde erbaut, wird zur zentralen Tötungsmaschinerie. Richter Khalkali speist das System mit einem endlosen Strom von Akten.
Hinrichtungen bekommen feste Nachtschichten. Absolute Stille in den Zellentrakten wird vom Knall militärischer Stiefel auf Stein durchbrochen. Häftlinge werden mit Augenbinden durch lange Korridore geführt und in den Hof geschoben. Eine Salve zielt auf Brust und Lunge, ein finaler Kontrollschuss aus nächster Nähe beendet das Werk.
Doch die Maschinerie gerät ins Stocken, als tausende neue Gefangene, vor allem Mitglieder der Organisation Mujahidin-e Khalq, die Gefängisse überfluten. Die Überbelegung macht Erschießungen im Hof zu langsam und ressourcenintensiv. Das Regime weicht in die Keller aus.

In fensterlosen Kellerräumen entsteht ein neues, effizienteres Fließband. Dichte Reihen von Hanfseilen baumeln von der Decke. Gefangene werden in Gruppen aufgestellt, die Schlinge um den Hals gelegt. Ein Ruck an einem Hebel lässt die hölzerne Plattform unter allen Füßen zeitgleich wegklappen. Der Tod durch Erhängen ist lautlos, billig und schnell.
Das dumpfe Krachen der fallenden Luken hallt durch die Betondecken zu den überfüllten Zellen hinauf. Diese akustische Folter bricht den Willen der Überlebenden effektiver als der offene Terror. Die Logistik des Terrors wird optimiert.
Parallel bringt das Regime den Tod zurück auf die Straße. Schwere Baukräne, eigentlich für Infrastrukturprojekte importiert, rollen auf zentrale Plätze. Vor verstummten Menschenmengen werden Verurteilte öffentlich erhängt. Das staatliche Erwürgen geschieht dort, wo Bürger ihr Brot kaufen. Die Botschaft ist klar: Jeder ist Zeuge, niemand ist sicher.

1988 erreicht der Terror seinen schrecklichen Höhepunkt. Hinter den Mauern von Evin und Gohardascht findet eine geheime Massensäuberung statt. Nach Angaben von Amnesty International werden über 5000 politische Gefangene innerhalb weniger Monate exekutiert. Spezielle Hallen mit endlosen Reihen von Schlingen werden zum Fließband des Mordes.
Tribunale fällen Urteile in Minuten. Gruppen von Gefangenen treten vor, die Schlingen werden angelegt, die Falltüren krachen im Akkord. Während innen pausenlos gearbeitet wird, schottet der Staat die Gesellschaft vollständig ab. Gefängnisbesuche werden gestrichen, jede Spur systematisch verwischt.
Leichen werden in Lastwagen zu geheimen Massengräbern nach Khavaran gebracht und verscharrt. Den Angehörigen wird jede Auskunft verweigert. Mütter stehen jahrelang mit Taschen voller Habseligkeiten vor den Gefängnistoren und warten auf Menschen, die längst begraben sind. Diese lähmende Ungewissheit wird zum zentralen Herrschaftsinstrument.
Bis 1989 formt sich aus dem anfänglichen Blutrausch eine eiskalte Bürokratie des Todes. Die Wahl der Hinrichtungsmethode – Erschießung, heimliche Erhängung oder öffentlicher Kran – folgt einer strengen Logik der Abschreckung und Effizienz. Der Terror ist kein Zufallsprodukt des Chaos, sondern das berechnende Fundament eines Systems, das seine Macht auf das spurlose Verschwinden und die öffentliche Demütigung gründet. Die Gesellschaft erwachte 1979 in einer neuen Realität, aus der es für zehntausende kein Entrinnen mehr gab.