Teheran, 11. Februar 1979 – Die Monarchie ist gestürzt, die Straßen erbeben vom Jubel einer Million Menschen. Doch hinter den verschlossenen Türen der Macht beginnt bereits eine neue, schreckliche Ära. Während die Menge noch tanzt, bilden die Getreuen des gerade erst zurückgekehrten Ayatollah Khomeini die ersten revolutionären Tribunale.
Es herrscht ein machtvakuum, das der neue Klerus mit eiserner Entschlossenheit füllt. Um seinen Machtanspruch zu zementieren, ernennt Ruhollah Khomeini einen Mann mit absoluten Vollmachten: Sadegh Khalkhali, später bekannt als „Richter Henker“. Seine Aufgabe ist es, das juristische Vakuum mit Terror zu füllen.
Die Verfahren folgen einer mörderischen Logik. Es gibt keine Anwälte, keine Zeugen, keine Berufung. Die Anklage lautet meist „Korruption auf Erden“, ein nicht definierbarer Vorwurf, der für alles reicht. Ein Prozess dauert oft weniger als dreißig Minuten. Das Urteil ist immer gleich: Tod.
Die ersten Hinrichtungen finden im Verborgenen statt. Auf dem Dach der Refah-Schule in Teheran stehen am 15. Februar 1979 vier Generäle des gestürzten Schah-Regimes vor einem Erschießungskommando. Von der Verhaftung bis zur Exekution vergehen nur wenige Stunden. Ein Tempo ohne Beispiel in der modernen Rechtsprechung.
Die Leichen der Generäle liegen noch auf dem Beton, als ihr Tod zum öffentlichen Spektakel wird. Staatliche Medien übertragen die Bilder der entstellten Körper in der besten Sendezeit. Es ist eine bewusste Botschaft der neuen Herrscher: Widerstand ist zwecklos.
Doch Erschießungen hinter Mauern reichen bald nicht mehr aus. Um die Straßen zu disziplinieren, braucht das Regime eine neue, größere Bühne des Schreckens. Schwere Baukräne rollen auf die Marktplätze von Teheran, Qom und Tabriz.
Anstelle klassischer Galgen nutzen die Henker die schwerfälligen Maschinen. Der qualvolle Tod durch Ersticken wird für Tausende von Zuschauern von jedem Punkt des Platzes aus sichtbar. Die Körper baumeln stundenlang über den Köpfen der Passanten, eine stumme Warnung an jeden Dissidenten.
Die anfängliche Willkür weicht bald einer routinierten Effizienz. Mit dem Beginn des Iran-Irak-Krieges im September 1980 erhält die Führung ein juristisches Geschenk. Jedes kritische Wort gilt nun als Hochverrat in Kriegszeiten. Die Hinrichtungen werden zur Fließbandarbeit.
Die Unterdrückung der Massenproteste vom 20. Juni 1981 verlagert sich sofort von den Straßen in die Keller. Tausende junge Menschen verschwinden. Ein Richter des Revolutionsgerichts benötigt weniger als fünf Minuten für ein Todesurteil. In der Evin-Haftanstalt ist der Weg vom Verhörraum zur Hinrichtungsstätte kurz.

Die Maschinerie des Terrors erreicht ihren schrecklichen Höhepunkt im Sommer 1988. Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands mit dem Irak richtet sich die gesamte Gewalt des Staates nach innen. Khomeini erlässt eine geheime Direktive zur „totalen Säuberung“.
In den Gefängnissen von Evin und Gohardascht bilden sich sogenannte Todeskommissionen. Drei Männer – ein Scharia-Richter, ein Staatsanwalt und ein Geheimdienstvertreter – entscheiden in Minuten über Leben und Tod. Die Befragung dreht sich nur um die ideologische Treue. Ein Zögern reicht aus.
Die Hinrichtungen finden in industriellem Maßstab statt, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Gruppen von Gefangenen werden im Minutentakt an vorbereiteten Schlingen erhängt. Familien erfahren monatelang nichts vom Schicksal ihrer Angehörigen. Später erhalten sie schweigend die persönlichen Gegenstände ausgehändigt.
Parallel sucht das Regime nach einer juristischen Maske für den ununterbrochenen Terror. Es findet sie im „Krieg gegen die Drogen“. Gesetze, die von Khomeini autorisiert wurden, bestrafen den Besitz kleinster Mengen mit dem Tod. Dieselben Tribunale, die politische Dissidenten richten, exekutieren nun tausende angebliche Drogenschmuggler.
Das System der Tötung perfektioniert sich. Jede Methode erfüllt eine psychologische Aufgabe: Erschießungskommandos für die rohe Vernichtung der Elite, Baukräne für das öffentliche Schauspiel des Gehorsams und die industriellen Massenhinrichtungen in Gefängnishallen für die lautlose Säuberung.
Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen zufolge fallen der geheimen Kampagne im Sommer 1988 zwischen 4.000 und 5.000 Menschen zum Opfer. Die Leichen werden in anonyme Massengräber auf dem Gelände von Khavaran am Stadtrand Teherans geworfen. Den Familien wird das Trauer verboten.
Als Ayatollah Khomeini am 3. Juni 1989 stirbt, hinterlässt er ein blutiges Erbe. Die Straßen füllen sich mit Millionen Trauernden. Doch in tausenden Häusern herrscht eine andere Stille – die der Vermissten, der ohne Grab.
Die von ihm geschaffene Maschinerie des Terrors überlebt ihren Architekten. Die im Blutrausch der Revolution und im Sommer 1988 etablierten Strukturen sind heute die DNA des iranischen Rechtswesens. Die totale Kontrolle durch das Schafott wurde zur staatlichen Routine. Der Schrecken liegt in der Endgültigkeit eines Urteils, das in Minuten gefällt wird und jede Chance auf Verteidigung im Keim erstickt.