Kabul, Afghanistan – Ein neues Video aus der Provinz Faryab zeigt die brutale Rückkehr eines Systems, das die Welt längst überwunden glaubte: die öffentliche Bestrafung von Frauen durch die Taliban. Die Aufnahmen, die in den letzten Tagen auftauchten, belegen, dass die Praxis der Schauhinrichtungen und Auspeitschungen aus den 1990er Jahren nicht nur wiederaufgenommen, sondern systematisch ausgebaut wurde.
Die Bilder zeigen einen staubigen Platz, umringt von Hunderten männlichen Zuschauern. In der Mitte knien mehrere Frauen, während Taliban-Vollstrecker mit Peitschen zuschlagen. Die Anklagen: Verstoß gegen Kleidervorschriften und das Verlassen des Hauses ohne männlichen Begleiter. Die Szene ist eine erschreckende Kopie der Schreckensherrschaft zwischen 1996 und 2001.
Die systematische Unterdrückung afghanischer Frauen erreicht damit eine neue, offen gewalttätige Stufe. Nach der Machtübernahme im August 2021 versprach die Taliban-Führung der internationalen Gemeinschaft eine gemäßigtere Herrschaft. Diese Versprechen sind laut Menschenrechtsorganisationen endgültig gebrochen.
Ein internes Schreiben des obersten Taliban-Führers Hibatullah Achundsada, das dieser Redaktion vorliegt, ordnet explizit die Wiederaufnahme „traditioneller“ Strafen nach ihrer Interpretation des islamischen Rechts an. Die Anweisung ging an alle Gouverneure und lokalen Kommandeure im Land.
Die Rückkehr zu öffentlicher Gewalt ist kein Zufall, sondern kalkulierte Politik. Experten sehen darin eine Strategie, durch abschreckende Spektakel die totale Kontrolle über die Bevölkerung zu zementieren. Die Botschaft richtet sich an alle, die heimlich Widerstand leisten könnten.
Die historischen Parallelen sind unübersehbar. Bereits in ihrer ersten Herrschaftsphase nutzten die Taliban Sportstadien wie das Ghazi-Stadion in Kabul als Bühnen für Exekutionen und Auspeitschungen. Diese Orte symbolisierten die absolute Macht des Regimes über den Einzelnen.
Die aktuelle Welle der Gewalt begann leise Ende 2021 mit vereinzelten Vorfällen in abgelegenen Provinzen. Seit der expliziten Anordnung aus der Führungsspitze hat sich die Frequenz und Brutalität jedoch dramatisch erhöht. Die Strafen finden nicht mehr im Verborgenen statt.
Im Dezember 2022 versammelten sich über tausend Menschen auf Befehl in einem Stadion in Faryab, um die Bestrafung mehrerer Männer und Frauen mitzuverfolgen. Lautsprecherwagen hatten das Ereignis im Voraus angekündigt, um eine maximale Zuschauerzahl zu garantieren.
Für afghanische Frauen, die die 1990er Jahre bewusst erlebten, löst diese Entwicklung traumatische Erinnerungen aus. Damals verschwanden Frauen vollständig aus dem öffentlichen Leben. Schulen und Universitäten wurden für sie geschlossen, der Zugang zu Gesundheitsversorgung massiv eingeschränkt.
Die zwei Jahrzehnte zwischen 2001 und 2021 brachten zwar fragilen Fortschritt, besonders in urbanen Zentren. Frauen arbeiteten als Ärztinnen, Anwältinnen und Beamtinnen. Doch dieser Fortschritt war ungleich verteilt und blieb stets unter Beschuss durch die Taliban im Untergrund.
Mit dem schnellen Kollaps der afghanischen Regierung im Sommer 2021 wurde dieser mühsam errungene Raum innerhalb von Tagen ausgelöscht. Das Verbot von Sekundarschulbildung für Mädchen war nur der erste Schritt in einer langen Reihe restriktiver Dekrete.
Das Ministerium für die Förderung der Tugend und Verhütung des Lasters, die berüchtigte Sittenpolizei, wurde wieder eingesetzt. Ihre weißen Pick-ups patrouillieren durch die Straßen und überwachen jede Bewegung. Verstöße werden sofort und willkürlich geahndet.
Die aktuelle Lage ist für viele Frauen existenziell. Ohne Möglichkeit zu arbeiten oder sich frei zu bewegen, sind sie in ihren Häusern gefangen. Die anhaltende Wirtschaftskrise und eine verheerende Hungersnot verschärfen die Not unermesslich.

Internationale Reaktionen bleiben weitgehend wirkungslos. Verurteilungen durch die UNO und westliche Staaten verhallen angesichts der fest etablierten Macht der Taliban. Humanitäre Hilfe erreicht die Bedürftigsten oft nicht, da Frauen sie nicht abholen dürfen.
Die innere Struktur der Taliban zeigt Risse. Während Hardliner auf maximale Härte setzen, um ihre Autorität zu demonstrieren, gibt es vereinzelt Stimmen, die vor einem kompletten gesellschaftlichen Zusammenbruch warnen. Diese moderaten Kräfte haben sich jedoch nicht durchgesetzt.
Die öffentlichen Bestrafungen dienen auch einem internen Zweck: Sie demonstrieren Stärke nach innen und disziplinieren die eigenen Reihen. Lokale Kommandeure wetteifern in ihrer Härte, um Loyalität gegenüber der Führung in Kandahar zu beweisen.
Die psychologischen Folgen für eine ganze Generation sind unabsehbar. Kinder, die diesen Gewaltszenen beiwohnen müssen, wachsen in einer Atmosphäre der Angst und Unterwerfung auf. Das Trauma wird das soziale Gefüge des Landes für Jahrzehnte prägen.
Aktivistinnen im Untergrund berichten von einer beispiellosen Welle der Verzweiflung. Die Suizidrate unter jungen Frauen hat laut vertraulichen Berichten aus Krankenhäusern stark zugenommen. Es gibt kaum noch sichere Fluchtwege aus dem Land.
Die digitale Überwachung durch das Regime erschwert jeden Widerstand. Die Taliban nutzen moderne Technologie, um Dissidentinnen aufzuspüren und ihre Botschaft der Kontrolle zu verbreiten. Die Videos der Bestrafungen zirkulieren als Warnung.
Die internationale Gemeinschaft steht vor einem fast unlösbaren Dilemma. Einerseits darf die Anerkennung des Regimes nicht mit solchen Gräueltaten einhergehen. Andererseits verschärfen Sanktionen die humanitäre Krise und treffen die Zivilbevölkerung am härtesten.
Die historische Verantwortung des Westens, der das Land nach 2001 aufbaute und dann überstürzt verließ, lastet schwer auf der aktuellen Politik. Die afghanischen Partner von einst fühlen sich im Stich gelassen und ihrem Schicksal überlassen.
Für die Frauen Afghanistans bedeutet die aktuelle Entwicklung die endgültige Zerstörung ihrer Zukunftsperspektiven. Die systematische Ausschaltung einer gesamten Bevölkerungsgruppe aus dem öffentlichen, wirtschaftlichen und akademischen Leben hat kaum ein historisches Vorbild.
Die Welt schaut weitgehend tatenlos zu, wie ein ganzes Land in eine neue Ära der Dunkelheit zurückfällt. Die öffentlichen Bestrafungen sind nur die sichtbarste Spitze eines umfassenden Systems der Unterdrückung, das darauf abzielt, die Hälfte der Gesellschaft unsichtbar zu machen.
Die Frage, ob die Taliban ihr Regime modernisieren würden, ist damit endgültig beantwortet. Sie kehren nicht nur zu den Methoden der 1990er Jahre zurück, sondern perfektionieren sie mit bürokratischer Präzision. Der Terror ist zur Routine geworden.
Die Hoffnung stirbt zuletzt, doch in Afghanistan erlischt sie gerade für Millionen von Frauen. Die Peitschenhiebe auf dem Marktplatz von Faryab sind kein bedauerlicher Einzelfall, sondern die Blaupause für die Zukunft unter der Herrschaft der Taliban.