Die kalte Nachtluft auf dem Dach der Refah-Schule in Teeran wurde am 15. Februar 1979 vom Knall einer Exekutionssalve zerrissen. General Nematollah Nassiri, der gefürchtete Chef des Geheimdienstes SAVAK, war sofort tot. Seine Hinrichtung war keine stille Justiz, sondern eine öffentliche Inszenierung der neuen Machthaber. Sie markierte den brutalen Startschuss zu einer beispiellosen politischen Säuberung.
Nur vier Tage zuvor hatten Millionen Iraner den Sturz des Schahs gefeiert. Die Euphorie währte kurz. An die Stelle des geflohenen Monarchen trat nicht die ersehnte Freiheit, sondern ein System der Vergeltung. Die vier Generäle auf dem Schuldach – Nassiri, der Militärgouverneur, der Polizeichef und ein Luftwaffenkommandeur – waren die ersten Opfer eines Tribunals, das in Minuten urteilte. Beweise oder Verteidiger waren nicht vorgesehen.
Die Bilder der toten Generäle dominierten am nächsten Morgen die Titelseiten. Zeitungen wie „Kayhan“ und „Ettela’at“ druckten großformatige, körnige Fotos der Leichen. Dies war kein journalistischer Exzess, sondern staatlich verordneter Terror. Die Botschaft der Revolutionäre war unmissverständlich: Die alten Götter waren sterblich, und niemand aus dem alten Regime war mehr sicher.
Hinter den öffentlichen Hinrichtungen arbeitete eine neu geschaffene Maschinerie. Die Islamischen Revolutionsgerichte nahmen ihre Arbeit mit technischer Brutalität auf. Ihr Mandat: die physische Vernichtung der Elite des Schah-Regimes. Fundamentale Rechte wie das auf Verteidigung wurden außer Kraft gesetzt. Ein Urteil benötigte oft nur fünf Minuten.
Die symbolträchtigsten Schauplätze des Terrors waren die Gefängnisse, die der Schah selbst hatte bauen lassen. Das Evin-Gefängnis und das Kasr-Gefängnis füllten sich mit Ministern, Generälen und SAVAK-Offizieren. Die Verfahren folgten einem simplen Muster. Die Anklage lautete stets auf Korruption und Kollaboration. Vom Aufruf des Namens bis zur Exekution im Hof vergingen oft weniger als sechzig Minuten.
Die Panik erfasste die alte Elite schlagartig. Die Abflughallen des Flughafens Mehrabad wurden von Familien gestürmt, die um jeden Preis ein Ticket ergattern wollten. Luxusvillen im Norden Teerans wurden über Nacht verlassen. Milliarden an Kapital und Tausende hochqualifizierte Fachkräfte verließen das Land. Ein Brain Drain warf die iranische Wirtschaft um Jahre zurück.
Doch nicht jeder konnte entkommen. Einer, der bewusst blieb, war Amir Abbas Hoveyda, Premierminister von 1965 bis 1977. Er glaubte an das Gesetz und weigerte sich zu fliehen. Sein Prozess im April 1979 war eine Farce. Die Anklage warf ihm „Krieg gegen Gott“ vor. Noch am selben Tag wurde das Todesurteil gefällt und sofort vollstreckt.

Die Hinrichtung Hoveydas war ein Signal an die Armee. Die Revolutionsführer, an ihrer Spitze Ayatollah Ruhollah Khomeini, fürchteten einen Militärputsch wie im Jahr 1953. Die blutigen Exekutionen dienten der Abschreckung. Jeder lebende General galt als potenzieller Putschist. Die Botschaft war eine Reihe von Leichen, die den Offizieren die neue binäre Wahl zeigte: Loyalität oder Tod.
Die Säuberung fraß sich durch die Hierarchien. Ein besonders ironisches Schicksal ereilte General Hassan Pakravan, den früheren SAVAK-Chef. Jahre zuvor hatte er persönlich Khomeinis Todesurteil in Exil umgewandelt. Diese Tat rettete ihm im Frühjahr 1979 nicht das Leben. Auch er wurde nach einem Minutenprozess erschossen.
Mit ihm brach das Rückgrat des alten Staates endgültig zusammen. Der SAVAK, einst mit Hilfe von CIA und Mossad aufgebaut, wurde selbst gejagt. Seine Akten lagen offen, seine Folterknechte standen vor Gericht. Das unsichtbare Netz der Angst, das über dem Alltag gelegen hatte, zerriss.
Hinter den Kulissen trieben Revolutionskomitees die Säuberung voran. Sie durchkämmten Ministerien und Archive. Jedes Dokument, jede Namensliste wurde zum potenziellen Todesurteil. Die Transparenz wurde zur Waffe. Der Tod wurde nicht mehr verschleiert, sondern inszeniert und publiziert.
Für die einfachen Bürger wurde der Terror alltäglich. Das Frühstück begann mit den Schlagzeilen über die nächtlichen Hinrichtungen. Nachbarn von gestern starrten leblos von der Titelseite. Diese kollektive Erfahrung zementierte eine neue Hierarchie der Angst. Sie zeigte, wie schnell der Fall vom Palast in den Gefängnishof sein konnte – oft in weniger als 24 Stunden.
Ende 1979 war das politische Terrain planiert. Die namenlosen Gräber auf dem Behesht-e Zahra-Friedhof füllten sich. Ein Referendum besiegelte die neue Verfassung. Aus der Revolution wurde Staat: die Islamische Republik Iran. Ihr unsichtbares, bleibendes Erbe war die tiefe Verankerung der Angst im kollektiven Gedächtnis einer zerrütteten Gesellschaft. Alle Machtstränge liefen nun an einem Punkt zusammen.