Kairo, 6. Oktober 1981 – In einem Akt beispiellosen Verrats wurde der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat während einer Militärparade von Angehörigen seiner eigenen Armee ermordet. Der Staatschef, der mit seinem Friedensschluss mit Israel die arabische Welt erschütterte, wurde vor den Augen der internationalen Presse und hoher Würdenträger niedergeschossen.
Die Parade zum Jahrestag des Oktoberkrieges verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Ein Militärlastwagen bog plötzlich von der Route ab und hielt vor der Ehrentribüne. Vier uniformierte Attentäter eröffneten das Feuer auf den ahnungslosen Präsidenten. Sadat, der zunächst salutierte, da er die Aktion für eine Darbietung hielt, wurde von mehreren Geschossen getroffen.
Chaos brach aus. Handgranaten explodierten, während Sicherheitskräfte verzögert reagierten. Vizepräsident Husni Mubarak wurde leicht verletzt. Der blutüberströmte Sadat wurde notoperiert, erlag jedoch seinen schweren Verletzungen. Die Attentäter, darunter Leutnant Khalid Islambuli, wurden festgenommen. Islambuli rief unmittelbar nach der Tat: “Ich habe den Pharao getötet!”
Die Hintergründe der Tat reichen tief in Sadats kontroverse Politik. Seine historische Reise nach Jerusalem 1977 und das folgende Camp-David-Abkommen mit Israel hatten ihn in weiten Teilen der arabischen Welt zum Geächteten gemacht. Radikale Islamisten brandmarkten ihn als Verräter.
Sadats Weg an die Macht war von frühem Hass auf die britische Besatzung geprägt. Geboren in bitterer Armut, schwor er sich, Ägypten zu befreien. Als junger Offizier schloss er sich den “Freien Offizieren” um Gamal Abdel Nasser an. Nach Jahren im Gefängnis für anti-britische Aktivitäten war er maßgeblich an der Revolution von 1952 beteiligt.
Jahrzehntelang blieb er im Schatten Nassers, der zum Symbol des arabischen Nationalismus aufstieg. Die vernichtende Niederlage im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel demütigte die Nation. Nach Nassers Tod 1970 übernahm Sadat überraschend die Präsidentschaft. Viele sahen in ihm nur eine Übergangslösung.
Doch er handelte entschlossen. Er festigte seine Macht, wies zehntausende sowjetische Berater aus und plante den Yom-Kippur-Krieg von 1973. Dieser begrenzte Angriff sollte ägyptische Ehre zurückgewinnen und Israel an den Verhandlungstisch zwingen. Die taktische Überraschung gelang, der anfängliche Erfolg wandte sich jedoch.

Dennoch schuf der Krieg die Grundlage für Sadats kühnsten Schritt: den direkten Frieden mit Israel. Die geheimen Verhandlungen gipfelten 1978 in den Verträgen von Camp David. Ägypten erhielt den Sinai zurück, erkannte aber Israel an. Die arabische Welt reagierte mit einem Boykott.
Im Inland verschärfte sich der Widerstand islamistischer Gruppen. Sadats Friedenspolitik und sein hartes Vorgehen gegen die Muslimbruderschaft schufen tödliche Feinde. Die Attentäter vom 6. Oktober gehörten der Gruppe “Al-Jihad” an. Für sie war Sadats Pakt mit Israel ein Verrat am Islam.
Die internationale Reaktion auf die Ermordung ist gespalten. Während der Westen den Friedensstifter betrauert, bleibt die arabische Welt weitgehend stumm. Nur drei arabische Staatschefs werden zur Beerdigung erwartet. In vielen Städten wird sein Tod gefeiert.
Sadats Vermächtnis ist ein zwiespältiges. Der kalte Frieden mit Israel hält bis heute. Neue Kriege zwischen den Staaten blieben aus. Doch der erhoffte umfassende Nahost-Frieden trat nicht ein. Sein Mörder wurde in radikalen Kreisen zum Märtyrer stilisiert.
Die Frage nach dem Preis des Friedens bleibt. Anwar al-Sadat, der vom einfachen Bauernsohn zum Präsidenten und Friedensnobelpreisträger aufstieg, bezahlte seine Vision mit dem Leben. Sein Tod hinterlässt eine Region, die weiter im Konflikt gefangen ist und einen Frieden, der bis heute einsam dasteht. Die ägyptische Nation steht unter Schock und blickt einer ungewissen Zukunft unter Vizepräsident Mubarak entgegen.