
Berlin, Februar 1945.
Während Bomben auf die Hauptstadt des Dritten Reiches niedergehen, rennt ein Mann durch die Gänge des berüchtigtsten Gerichts Nazi-Deutschlands.
In seinen Armen hält er Akten.
Akten voller Todesurteile.
Akten voller zerstörter Leben.
Sekunden später schlägt eine Bombe ein.
Ein gewaltiger Knall erschüttert das Gebäude.
Mauern brechen zusammen.
Stahl und Beton stürzen herab.
Als die Rettungskräfte später die Trümmer durchsuchen, finden sie den Mann tot.
Noch immer umklammern seine Hände die Prozessakten seiner Opfer.
Sein Name war Roland Freisler – der gefürchtetste Richter des Dritten Reiches, bekannt als Hitlers „Blutrichter“.
DER MANN, DER AUS GERICHTSSÄLEN HINRICHTUNGSFABRIKEN MACHTE
Freisler wurde 1893 geboren und studierte Jura.
Doch aus dem jungen Juristen wurde einer der fanatischsten Unterstützer des Nationalsozialismus.
Schon früh trat er der NSDAP bei und nutzte sein juristisches Talent, um die Ideologie der Nazis in Gesetze und Urteile zu verwandeln.
Er war kein gewöhnlicher Richter.
Er sah sich als politischer Kämpfer.
Als Werkzeug Hitlers.
Und er glaubte, dass Gerichte keine Orte der Gerechtigkeit sein sollten – sondern Waffen gegen die Feinde des Regimes.
HITLERS TREUESTER RICHTER
1942 ernannte Adolf Hitler Freisler zum Präsidenten des berüchtigten Volksgerichtshof.
Von diesem Moment an begann eine Welle des Terrors.
Unter seiner Führung explodierte die Zahl der Todesurteile.
Zwischen 1942 und 1945 verhängte der Volksgerichtshof mehr als 5.000 Todesurteile.
Allein Freislers Senat war für rund 2.600 davon verantwortlich.
Für viele Deutsche wurde sein Name zum Synonym für Angst.
Wer vor Freisler stand, hatte meist bereits verloren.
SCHREIEN, DEMÜTIGEN, VERNICHTEN
Freislers Prozesse waren keine Gerichtsverfahren.
Sie waren öffentliche Hinrichtungen mit juristischer Kulisse.
Zeugen berichteten, dass er Angeklagte anschrie, beleidigte und demütigte.
Er unterbrach sie ständig.
Er ließ ihnen kaum Gelegenheit zur Verteidigung.
Seine Wutausbrüche waren so extrem, dass Tontechniker die Mikrofone herunterregeln mussten, weil seine Schreie die Aufnahmen übersteuerten.
Angeklagte wurden absichtlich in zu großen, gürtellosen Hosen vorgeführt, damit sie sich während der Verhandlung lächerlich machten.
Die Demütigung war Teil der Inszenierung.
Der Ausgang stand ohnehin fest.
DIE WEISSE ROSE: FREISLER GEGEN SOPHIE SCHOLL
Zu seinen bekanntesten Opfern gehörten Sophie Scholl und Hans Scholl.
Die Geschwister hatten Flugblätter gegen Hitler verteilt und zum Widerstand aufgerufen.
Als Sophie Scholl vor Freisler stand, zeigte sie keine Angst.
Sie erklärte offen, dass viele Menschen genauso dächten wie sie, sich aber nicht trauten, ihre Meinung auszusprechen.
Das Urteil war vorhersehbar.
Tod.
Nur wenige Stunden später wurden Hans und Sophie Scholl hingerichtet.
DER MANN, DER TAUSENDE IN DEN TOD SCHICKTE
Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 Attentat wurde Freisler zu Hitlers wichtigster Waffe gegen den deutschen Widerstand.
Tausende Menschen wurden verhaftet.
Hunderte landeten vor seinem Gericht.
Die Prozesse wurden gefilmt, um der Bevölkerung die totale Macht des Regimes zu demonstrieren.
Doch viele Angeklagte begegneten ihm mit erstaunlichem Mut.
Einige kündigten ihm offen an, dass bald auch seine Zeit kommen werde.
Andere erklärten, dass eines Tages das deutsche Volk über ihn richten werde.
„IN EINEM JAHR GEHT ES UM IHREN KOPF!“
Besonders legendär wurde der Widerstand der Angeklagten.
Während Freisler tobte und schrie, antworteten einige mit bemerkenswerter Ruhe.
Ein Angeklagter erklärte:
„Heute geht es um meinen Kopf. In einem Jahr geht es um Ihren Kopf.“
Ein anderer sagte ihm ins Gesicht:
„Beeilen Sie sich mit dem Aufhängen, Herr Präsident, sonst hängen Sie eher als wir.“
Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, wie prophetisch diese Worte werden würden.
DAS IRONISCHE ENDE DES „BLUTRICHTERS“
Am 3. Februar 1945 griffen amerikanische Bomber Berlin an.
Freisler leitete gerade eine Sitzung des Volksgerichtshofs.
Als die Sirenen heulten, schickte er die Angeklagten in den Luftschutzkeller.
Selbst blieb er zurück.
Er wollte noch wichtige Akten retten.
Dann kam der Einschlag.
Eine Bombe traf das Gerichtsgebäude.
Nach einer Version wurde Freisler von einem herabstürzenden Balken erschlagen.
Nach einer anderen traf ihn ein Bombensplitter, als er in Richtung Schutzraum lief.
In beiden Fällen war das Ergebnis dasselbe:
Sofortiger Tod.
„DAS IST EIN GOTTESURTEIL“
Als seine Leiche später ins Krankenhaus gebracht wurde, soll ein Mitarbeiter beim Anblick des toten Richters gesagt haben:
„Das ist ein Gottesurteil.“
Niemand widersprach.
Für viele Deutsche war sein Tod die späte Vergeltung für tausende Todesurteile, die er im Namen Hitlers verhängt hatte.
DER MANN, DEM KAUM JEMAND EINE TRÄNE NACHWEINTE
Roland Freisler wurde in Berlin beerdigt.
Sein Name erscheint nicht einmal auf dem Grabstein der Familie seiner Frau.
Der Mann, der einst über Leben und Tod entschied, verschwand nahezu spurlos.
Doch sein Vermächtnis blieb.
Noch heute gilt er als eines der dunkelsten Symbole dafür, wie Recht in eine Waffe verwandelt werden kann.
Ein Richter, der nicht nach Gerechtigkeit suchte.
Sondern nach Schuldigen.
Und der schließlich von dem Krieg verschlungen wurde, den er selbst mit fanatischem Eifer unterstützt hatte.