
April 1940.
Nazi-Deutschland überfällt Norwegen.
Während mutige Männer und Frauen ihr Leben riskieren, um ihr Land zu verteidigen, trifft ein Norweger eine folgenschwere Entscheidung:
Er stellt sich auf die Seite der Besatzer.
Sein Name:
Henry Rinnan.
Für die Gestapo wurde er zu einer Geheimwaffe.
Für den norwegischen Widerstand wurde er zum Albtraum.
Und für viele Norweger gilt er bis heute als der verhassteste Verräter der Landesgeschichte.
DER JUNGE AUS ARMEN VERHÄLTNISSEN
Henry Oliver Rinnan wurde am 14. Mai 1915 in Levanger geboren.
Niemand hätte damals ahnen können, welches Grauen er später verursachen würde.
Lehrer beschrieben ihn als freundlich.
Klassenkameraden mochten ihn.
Er fiel nicht durch Gewalt oder Aggression auf.
Doch hinter der harmlosen Fassade verbarg sich ein Mann mit enormem Ehrgeiz und einem gefährlichen Bedürfnis nach Anerkennung.
VOM VERSAGER ZUM SPION
Sein Erwachsenenleben verlief zunächst wenig erfolgreich.
Er verlor mehrere Arbeitsstellen.
Einmal wurde er entlassen, weil er Geld unterschlagen hatte.
Ein anderes Mal verschwand er während der Geburt seines ersten Kindes tagelang mit einer Geliebten.
Finanzielle Probleme häuften sich.
Die Familie musste fast ihren gesamten Besitz verkaufen.
Doch bald sollte sich für Rinnan eine neue Gelegenheit ergeben.
Eine Gelegenheit, die Norwegen teuer bezahlen würde.
DIE GESTAPO FINDET IHREN MANN
Nach der deutschen Besetzung Norwegens im Jahr 1940 wurde Rinnan von der Gestapo rekrutiert.
Die Nazis erkannten schnell sein Talent:
Er konnte Menschen manipulieren.
Vertrauen gewinnen.
Lügen glaubwürdig verkaufen.
Und genau diese Fähigkeiten machten ihn so gefährlich.
DER MANN, DER DEN WIDERSTAND ZERSTÖRTE
Unter falschen Namen mischte sich Rinnan unter Widerstandsgruppen.
Er gab sich als Gegner der Deutschen aus.
Als Patriot.
Als Freund.
Als Verbündeter.
Die Menschen vertrauten ihm.
Und genau das wurde ihnen zum Verhängnis.
Sobald er genügend Informationen gesammelt hatte, schlug die Gestapo zu.
Verhaftungen.
Folter.
Deportationen.
Hinrichtungen.
Der Widerstand wurde systematisch zerschlagen.
DIE „RINNAN-BANDE“
1942 gründete Rinnan seine eigene Organisation.
Sie wurde offiziell als „Sonderabteilung Lola“ bezeichnet.
Doch ganz Norwegen sollte sie später unter einem anderen Namen kennen:
Die Rinnan-Bande.
Bis zu 60 Informanten arbeiteten für ihn.
Sie durchkämmten Cafés, Bahnhöfe, Busse und öffentliche Plätze.
Überall suchten sie nach Menschen, die gegen die deutsche Besatzung waren.
Und wer einmal in ihr Netz geriet, hatte oft kaum noch eine Chance.
DAS HAUS DES SCHRECKENS
Ab 1943 nutzte die Bande ein Gebäude in Trondheim als Hauptquartier.
Nach dem Krieg wurde es berüchtigt als das „Bandenkloster“.
Im Keller befanden sich Gefängniszellen.
Und Folterkammern.
Dort wurden Widerstandskämpfer geschlagen.
Misshandelt.
Gebrochen.
Einige verließen die Keller nie wieder lebend.
Die Schreie der Opfer hallten durch das Gebäude und wurden zum Symbol des Terrors.
HUNDERTE OPFER – TAUSENDE ZERSTÖRTE LEBEN
Historiker schätzen, dass die Aktivitäten der Rinnan-Bande zur Folter von Hunderten Menschen führten.
Mindestens 83 Menschen verloren ihr Leben.
Tausende Norweger wurden verhaftet oder in deutsche Konzentrationslager deportiert.
Für viele Familien begann mit einer Begegnung mit einem von Rinnans Agenten der Weg in die Hölle.
SELBST FREUNDE WAREN NICHT SICHER
Rinnan herrschte über seine Organisation mit eiserner Hand.
Wer seine Regeln brach, wurde bestraft.
Wer ihm widersprach, verschwand.
Sogar Mitglieder der eigenen Bande gerieten ins Visier.
Seine Macht kannte scheinbar keine Grenzen.
DER DOPPELMORD IN DEN LETZTEN KRIEGSTAGEN
Im April 1945, als Deutschlands Niederlage bereits feststand, zeigte sich Rinnans Grausamkeit noch einmal besonders deutlich.
Er ließ zwei Mitglieder seiner eigenen Organisation ermorden:
Marie Arentz und Bjørn Bjørnebo.
Der Grund war erschreckend banal.
Rinnan begehrte Marie Arentz.
Als er erfuhr, dass sie mit Bjørnebo verlobt war und gemeinsam fliehen wollte, ließ er beide töten.
Selbst innerhalb der Bande sorgte die Tat für Entsetzen.
DIE FLUCHT SCHEITERT
Nach der deutschen Kapitulation versuchte Rinnan zu entkommen.
Mit Geld.
Mit Helfern.
Mit Verkleidungen.
Doch diesmal funktionierte keiner seiner Tricks.
Am 15. Mai 1945 wurde er von norwegischen Polizeikräften festgenommen.
Der Mann, der jahrelang andere gejagt hatte, war nun selbst der Gejagte.
NORWEGEN FORDERT GERECHTIGKEIT
Die Wut der Bevölkerung war gewaltig.
Als Rinnan öffentlich auftauchte, durchbrach ein Zuschauer die Polizeisperre und schlug ihm vor jubelnder Menge ins Gesicht.
Im Gefängnis wurde er mehrfach misshandelt.
Er musste Scheinhinrichtungen über sich ergehen lassen.
Sein einst arrogantes Auftreten verschwand.
DAS URTEIL
Die Ermittlungen enthüllten das ganze Ausmaß seiner Verbrechen.
Tausende Akten.
Hunderte Zeugen.
Unzählige Opfer.
Am 20. September 1946 wurde Henry Rinnan zum Tode verurteilt.
Offiziell wurde er wegen 13 Morden schuldig gesprochen.
Viele glaubten jedoch, dass die tatsächliche Zahl seiner Opfer weit höher lag.
DAS ENDE DES „SCHLÄCHTERS VON NORWEGEN“
Am Morgen des 1. Februar 1947 wurde Rinnan aus seiner Zelle geführt.
Seine Augen wurden verbunden.
Man band ihn an einen Pfahl.
Dann trat das Erschießungskommando vor.
Um 4:05 Uhr fielen die Schüsse.
Henry Rinnan war tot.
Sein Körper wurde eingeäschert.
Seine Asche landete in einem namenlosen Grab.
KEINE TRÄNEN FÜR DEN VERRÄTER
Während viele Kriegsverbrecher noch Verteidiger fanden, blieb Henry Rinnan in Norwegen weitgehend verhasst.
Sein Name wurde zum Synonym für Verrat.
Für Folter.
Für Kollaboration.
Und für den dunkelsten Albtraum des norwegischen Widerstands.
Bis heute erinnert seine Geschichte daran, wie gefährlich ein einziger Mann werden kann, wenn Ehrgeiz, Macht und Verrat aufeinandertreffen.
Und warum in Norwegen bis heute kaum jemand eine Träne für Henry Rinnan vergoss.