Mailand, 29. April 1945. Die Leichen von Benito Mussolini und seiner Geliebten Clara Petacci hängen kopfüber an den verrosteten Balken einer zerstörten Tankstelle auf der Piazzale Loreto, umgeben von einer tobenden Menge, die den einstigen Diktator mit Füßen tritt und bespuckt. Es ist das Ende einer 21-jährigen Schreckensherrschaft, das sich in einem Akt roher, ungezügelter Volksjustiz vollzieht, während die Alliierten noch auf dem Vormarsch sind und der Zweite Weltkrieg in Europa nur noch wenige Tage währt.
Die Nachricht von der öffentlichen Hinrichtung verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Noch am selben Abend erreichen die ersten Fotografien die internationalen Redaktionen. Sie zeigen den entstellten Körper Mussolinis, den die Menge aus dem Lastwagen gerissen hat, in dem die Partisanen ihn und die anderen hingerichteten Faschisten aus Dongo nach Mailand gebracht hatten. Die Bilder sind brutal, ungeschönt, ein finales, entwürdigendes Kapitel einer Diktatur, die auf Größe und Spektakel gebaut war.
Die Ereignisse der letzten 48 Stunden haben sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit überschlagen. Am 25. April, als die alliierten Streitkräfte die Gotenstellung durchbrochen haben und die Partisanen in den Städten Norditaliens die Macht übernehmen, sitzt Mussolini im erzbischöflichen Palais von Mailand in einer letzten, verzweifelten Verhandlung. Er sucht einen Ausweg, eine Kapitulation mit Garantien, ein sicheres Geleit. Die Vertreter des Comitato di Liberazione Nazionale, des Nationalen Befreiungskomitees, verweigern jede Diskussion. Sie fordern die bedingungslose Übergabe. Mussolini verlässt den Raum, ein gejagter Mann, der keine Armee mehr führt und keinen Staat mehr repräsentiert.
Seine Flucht beginnt noch am selben Abend. Er schließt sich einem deutschen Militärkonvoi an, der sich nach Norden zur Schweizer Grenze quält. In einem Lastwagen kauert der einst allmächtige Duce, verborgen unter einem Wehrmachtsmantel, einen deutschen Stahlhelm tief ins Gesicht gedrückt. Er vermeidet jeden Blick, jeder Kontakt zur Außenwelt ist ihm verhasst. Der Mann, der einst das Rampenlicht brauchte wie Sauerstoff, will nun unsichtbar werden. An seiner Seite: Clara Petacci, seine 33-jährige Geliebte, die sich weigert, ihn zu verlassen, obwohl sie die Chance zur Flucht gehabt hätte.
Der Konvoi, bestehend aus rund 30 Fahrzeugen und 200 deutschen Soldaten einer Flakeinheit, ist kein Triumphzug, sondern eine Kolonne der Verzweiflung. Die Straßen am Comer See sind von Partisanen kontrolliert. Sie haben Blockaden errichtet, sie warten auf die fliehenden Faschisten. Am 27. April, nahe der Ortschaft Dongo, stoppt die 52. Garibaldi-Brigade den Konvoi. Die Partisanen leuchten mit Taschenlampen in die Ladeflächen. Sie erkennen Mussolini sofort. Die Maskerade ist gescheitert. Der Diktator wird zusammen mit Clara Petacci und anderen hochrangigen Faschisten festgenommen.
Die Gefangenschaft ist kurz und von höchster Anspannung geprägt. Die Partisanen fürchten einen deutschen Entsatzangriff oder eine Intervention der Alliierten, die Mussolini in einem ordentlichen Prozess sehen wollen. In Mailand aber hat das Befreiungskomitee längst eine andere Entscheidung getroffen. In einem verrauchten Raum, in dem die Führer der Kommunisten, Sozialisten, Christdemokraten und Liberalen zusammensitzen, fällt das Urteil. Es gibt keine Anklage, keinen Verteidiger, kein letztes Wort. Der Befehl zur sofortigen Liquidation wird ausgefertigt. Ein Kurier bringt ihn nach Norden.
Am Nachmittag des 28. April trifft Walter Audisio, ein kommunistischer Partisan mit dem Decknamen Oberst Valerio, in Dongo ein. Er ist Ermittler, Richter und Henker in einer Person. Die Gefangenen werden in ein Auto verfrachtet. Die Fahrt führt am Westufer des Comer Sees entlang nach Süden, zu einem abgelegenen Ort: Giulino di Mezzegra, ein Dorf ohne Pathos. Vor dem eisernen Tor der Villa Belmonte müssen Mussolini und Clara Petacci aussteigen. Der Diktator wirkt ausgezehrt, bleich, schwerfällig. Er akzeptiert sein Schicksal ohne Widerstand. Clara Petacci bleibt an seiner Seite, obwohl es gegen sie kein formales Urteil gibt.
Audisio hebt seine Maschinenpistole. Er drückt ab. Ein trockenes Klicken. Die Waffe klemmt. Sekunden des Chaos. Audisio flucht, greift nach einer zweiten Waffe, einer französischen MAS38. Dann fallen die Schüsse. Das Echo rollt dumpf von den Steinmauern der Villa zurück. Mussolini bricht nach den ersten Treffern in der Brust zusammen. Eine letzte Kugel trifft Clara Petacci. Beide Körper schlagen gleichzeitig auf dem Boden auf. Es ist 16:10 Uhr. Die Herrschaft des Faschismus in Italien ist beendet.
Die Leichen werden auf die Ladefläche eines Lastwagens geworfen. In der Dunkelheit der Nacht beginnt die Fahrt nach Mailand. Der Weg ist die Hölle. Schlaglöcher, Trümmer, die Gefahr versprengter deutscher Einheiten. Jede Erschütterung wirft die Körper der einst Mächtigen im Laderaum gegeneinander. Am frühen Morgen des 29. April erreicht der Konvoi die Piazzale Loreto. Die Wahl des Ortes ist kein Zufall. Hier wurden im August 1944 15 Partisanen von den Faschisten hingerichtet. Ihre Körper lagen stundenlang im Staub. Nun ist der Ort der Rache.

Partisanen greifen zu Seilen. Sie hieven die Körper von Mussolini, Clara Petacci und den anderen hingerichteten Kadern kopfüber an die verrosteten Balken einer zerstörten Tankstelle. Die Gesichter starren nach unten, in den Dreck, in die Menge, die sich bereits zu sammeln beginnt. Zuerst sind es Hunderte, dann Tausende. Es sind Hinterbliebene von Bombenopfern, ehemalige Häftlinge, Menschen mit Narben auf dem Rücken und Leere im Magen. Als sie Mussolinis Körper sehen, reißt die letzte Sicherung.
Der Mob stürzt vor. Schwere Stiefel treffen den leblosen Körper. Menschen spucken auf das Gesicht, das einst von Balkonen imperiale Träume verkündete. Stöcke und Fäuste hageln herab. Plötzlich fallen Schüsse. Mehrere Kugeln durchschlagen das Fleisch des toten Diktators erneut. Auch der Körper von Clara Petacci wird über den Asphalt geschleift. Die Menge kennt keine Gnade. Es gibt kein Kommando, keinen Plan. Die Volksrache ist ein chaotischer, völlig unorganisierter Akt der puren Gewalt.
Die internationalen Korrespondenten, die sich bereits in Mailand befinden, drängen sich heran. Blitzlichter zucken auf. Ein lokaler Fotograf stellt den Fokus scharf. Ein Reporter der Associated Press notiert die Szene. Die Bilder verwandeln eine lokale Hinrichtung in ein globales Signal. Sie zeigen den totalen Sturz eines Mannes, der einst auf dem Balkon des Palazzo Venezia in Rom stand, die Brust herausgedrückt, unter ihm Hunderttausende im Rausch. Nun baumelt er an einer verbogenen Metallkonstruktion zwischen Benzinpumpen und Ruß. Das Imperium endet an einer Zapfsäule.
In Berlin erreicht die Nachricht die meterhohen Betonwände des Bunkers unter der Reichskanzlei. Adolf Hitler erfährt von der öffentlichen Hinrichtung seines Verbündeten. Die Bilder von der Piazzale Loreto wirken wie ein Katalysator. Sie entziehen der Reichskanzlei die letzte Hoffnung auf Verhandlungen oder Flucht. Hitler trifft seine Entscheidung. Er will kein Exponat in einem sowjetischen Käfig sein. Zwei Tage später, am 30. April gegen 15:30 Uhr, endet auch seine Ära durch Selbstmord.
Doch selbst nach dem Tod des Diktators endet der Kampf um sein Erbe nicht. Die italienische Regierung fürchtet den Kult um die tote Führerfigur mehr als den lebenden Diktator. Sie will Mussolini aus dem Gedächtnis der Nation tilgen. Seine Leiche wird auf dem Friedhof Musocco in Mailand in einer namenlosen Erdbestattung in Sektion 86 beigesetzt. Kein Grabstein, kein Name, nur eine Nummer. Doch das Schweigen hält nicht lange. In der Nacht des 23. April 1946 graben drei Neofaschisten den Sarg aus und verschwinden in der Dunkelheit.
Zehn Jahre lang bleibt die Leiche ein politisches Sprengfutter. Die Polizei sucht im ganzen Norden. Sie findet die Überreste schließlich in einem Kloster bei Mailand, versteckt in einem Schrank. Die Regierung hält die Gebeine unter Verschluss. Erst 1957 ändert sich der Kurs. Ministerpräsident Adone Zoli braucht die Stimmen der Rechten. Er gibt den Körper frei. Der Leichenwagen fährt nach Predappio, in den Geburtsort des Diktators. Dort, in der Familiengruft, endet die Odyssee. Die politische Neutralisierung durch Anonymität ist gescheitert. Mussolini kehrt in die Heimaterde zurück, ein toter Held für die einen, ein Symbol des Schreckens für die anderen.
Die öffentliche Hinrichtung auf der Piazzale Loreto bleibt ein einschneidendes Ereignis der Weltgeschichte. Sie ist ein brutaler Kontrast zu den geordneten Prozessen von Nürnberg, die erst Monate später beginnen sollten. Sie zeigt die rohe Gewalt des Kriegsendes, die Wut einer Bevölkerung, die jahrelang unter Terror und Entbehrungen gelitten hat. Sie ist ein Bild des totalen Zusammenbruchs, das bis heute nachwirkt und die Frage aufwirft, wie eine Gesellschaft mit den Verbrechen ihrer Führung umgehen soll, wenn die alten Strukturen in Schutt und Asche liegen.