Danzig, 4. Juli 1946 – Vor den Augen einer schweigenden Menge von Zehntausenden ist am Donnerstagnachmittag auf dem Bischofsberg bei Danzig die ehemalige SS-Aufseherin Elisabeth Becker hingerichtet worden. Die 22-Jährige war vom Sonderstrafgericht für ihre Verbrechen im Konzentrationslager Stutthof zum Tode verurteilt worden.
Um 17 Uhr rollten die Lastwagen unter den elf Galgen vor. Die Verurteilten, darunter fünf Frauen und sechs Männer, standen mit gefesselten Händen auf den Ladeflächen. Ohne Kapuzen sahen sie der Menge ins Gesicht. Nachdem die Schlingen gelegt waren, setzten sich die Fahrzeuge in Bewegung.
Der kurze Fall der Körper beendete einen juristischen und moralischen Prozess, der neue Maßstäbe setzte. Becker, deren Dienst in Stutthof nur vier Monate gedauert hatte, war für die Selektion von Häftlingen für die Gaskammern verantwortlich. Sie gestand, mindestens 30 Frauen und Kinder zum Tod geschickt zu haben.
Ihre Verteidigung, sie habe nur Befehle befolgt, wurde vom Gericht systematisch widerlegt. Die Beweisaufnahme stützte sich auf dokumentarische Beweise und die Aussagen überlebender Häftlinge. Diese schilderten eine Aufseherin, die mit einer Peitsche durch die Reihen ging und aktiv an der Tötungsmaschinerie teilnahm.
Der Prozess, der am 25. April 1946 begann, endete am 31. Mai mit elf Todesurteilen. Das Gericht erkannte zwar Beckers junges Alter und kurze Dienstzeit an und empfahl eine Umwandlung in eine Haftstrafe. Staatspräsident Bolesław Bierut lehnte jede Begnadigung jedoch ab.

Die öffentliche Hinrichtung auf dem Biskupia Gorka war eine bewusste Inszenierung der neuen polnischen Justiz. Sie sollte ein unauslöschliches Zeichen der Abrechnung mit dem Personal der nationalsozialistischen Vernichtungslager setzen. Die Bilder der Exekution sind für die Presse dokumentiert worden.
Für Elisabeth Becker begann der Weg zum Schafott am 5. September 1944, als sie ihren Einberufungsbefehl nach Stutthof erhielt. Die 1923 in Danzig geborene Deutsche hatte zuvor als Köchin und Landarbeiterin gearbeitet. Seit 1936 war sie Mitglied im Bund Deutscher Mädel.
Ihre Ausbildung zur Aufseherin dauerte nur wenige Wochen. In Stutthof, einem Lager mit Gaskammern und Krematorien, erhielt sie Macht über Leben und Tod. Überlebende berichteten, sie habe sich freiwillig für Selektionen gemeldet und die ihr übertragene Autorität mit Brutalität ausgeübt.

Nach der Flucht aus dem evakuierten Lager im Januar 1945 tauchte Becker unter. Bereits im April wurde sie von der polnischen Polizei verhaftet und identifiziert. Ihre Hoffnung auf Milde zerschlug sich im Gerichtssaal angesichts der erdrückenden Beweislage.
Die Exekution markiert einen Präzedenzfall. Sie unterstreicht das in Nürnberg etablierte Prinzip der individuellen strafrechtlichen Verantwortung. Der Befehlsnotstand gilt nicht als Entschuldigung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dies wurde in Danzig auf lokaler Ebene bekräftigt.
Während Becker zur Anomalie wurde, entkamen tausende andere Aufseherinnen der Justiz. Historiker schätzen, dass im gesamten Lagersystem über 3500 Frauen dienten. Nur ein winziger Bruchteil stand je vor Gericht. Viele lebten nach dem Krieg unter neuer Identität weiter.

Die Leichen der Hingerichteten wurden der Medizinischen Universität Danzig übergeben. Sie dienten als Anschauungsmaterial für Studenten, bevor ihre Überreste entsorgt wurden. Eine Bestattung fand nicht statt. Damit endete die physische Spur der Täterin.
Die öffentliche Vollstreckung war jedoch kein archaischer Racheakt, sondern eine kalkulierte politische Botschaft. In einer Zeit des Wiederaufbaus sollte sie den Überlebenden Genugtuung signalisieren und für kommende Generationen ein mahnendes Symbol sein. Der qualvolle Tod am Seil war die Botschaft.
Die Geschichte Elisabeth Beckers wirft eine beunruhigende Frage auf: Wie schnell verwandelt sich ein unbeschriebenes Leben in Mittäterschaft am Völkermord? In ihrem Fall genügten 120 Tage systematischer Indoktrination und absoluter Macht über wehrlose Menschen.
Ihr Fall belegt die tödliche Effizienz des NS-Lagersystems, das auch junge Frauen aus normalen Verhältnissen zu willigen Werkzeugen formte. Die Justiz der Nachkriegszeit stand vor der monumentalen Aufgabe, dieses kollektive Versagen juristisch zu fassen. Auf dem Bischofsberg fand eine ihrer sichtbarsten Antworten statt.