BUDAPEST, 12. März 1946 – Im Innenhof des Marc-Gefängnisses erfüllt gespannte Stille die Luft, während der Mann, der Ungarn in den Abgrund führte, seinen letzten Gang antritt. Ferenc Szálasi, der letzte faschistische Staatschef des Landes und Anführer der mörderischen Pfeilkreuzler-Bewegung, wird heute öffentlich hingerichtet. Seine Schritte auf dem Kopfsteinpflaster sind gleichmäßig, sein Blick auf den schlichten Holzgalgen gerichtet.
Vor den Kameras der Weltpresse beugt sich der 49-Jährige vor, um ein Kruzifix zu küssen und die Sterbesakramente zu empfangen. Dieses religiöse Ritual steht in scharfem Kontrast zu der Realität an den Ufern der Donau, wo unter seinem direkten Befehl zehntausende Juden ermordet wurden. Die Hinrichtung markiert das blutige Finale einer Ära des beispiellosen Terrors.
Szálasis Weg zur Macht war geprägt von fanatischem Nationalismus und dem Trauma des Vertrags von Trianon 1920, durch den Ungarn zwei Drittel seines Territoriums verlor. Aus einem karrierebewussten Offizier der k.u.k. Armee wurde ein radikaler Ideologe, der 1939 die nationalsozialistische Pfeilkreuzler-Partei gründete. Seine Ideologie des “Hungarismus” erklärte Juden für inkompatibel mit der europäischen Gesellschaft.
Die eigentliche Schreckensherrschaft begann am 15. Oktober 1944, nachdem deutsche SS-Kommandos unter Otto Skorzeny einen Putsch inszeniert hatten. Szálasi wurde als “Nemzetvezető” (Führer der Nation) vereidigt und errichtete ein Marionettenregime, das vollständig von Nazi-Deutschland abhängig war. Zu diesem Zeitpunkt stand die Rote Armee bereits vor den Toren Budapests.
In den folgenden Monaten entfesselte sein Regime einen Terror, der selbst deutsche Besatzer schockierte. Das Budapester Ghetto, in dem auf 0,26 Quadratkilometern 70.000 Menschen eingepfercht wurden, verwandelte sich in eine Todesfalle. Hunger, Kälte und Epidemien rafften Tausende dahin. Die systematischen Exekutionen an den Donau-Ufern erreichten einen industriellen Grad an Grausamkeit.
Augenzeugenberichte und Archivmaterial dokumentieren unfassbare Szenen: Pfeilkreuzler banden drei Opfer mit Stacheldraht zusammen, erschossen die Person in der Mitte und ließen die Lebenden mit dem Toten in die eisige Strömung stürzen. In Krankenhäusern und Altersheimen wurden Patienten massakriert, Frauen wurden mit Handgranaten in Parks zerfetzt. Die Donau wurde zum fließenden Massengrab.
Internationaler Druck durch Diplomaten wie Raoul Wallenberg konnte das Morden nur teilweise verlangsamen. Die Logik des Regimes formulierte Polizeikommissar Pál Rödönyi zynisch: “Das Problem ist nicht, dass die Juden ermordet werden. Das Problem ist die Methode.” Bis zur Befreiung Budapests im Februar 1945 fielen mindestens 80.000 ungarische Juden dem Terror zum Opfer.
Nach seiner Festnahme durch alliierte Kräfte wurde Szálasi vor ein Volksgericht gestellt. Das Urteil war eindeutig: Tod durch den Strang für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seine Hinrichtung heute Nachmittag um 15:24 Uhr beendet formal eine der dunkelsten Kapitel der ungarischen Geschichte.
Doch die Wunden der ungarischen Hauptstadt sind tief. 102 Tage Belagerung haben Budapest in ein Trümmerfeld verwandelt, historische Gebäude stehen als ausgebrannte Ruinen. Während Szálasis Körper in einem anonymen Grab verschwindet, beginnt für die Überlebenden der mühsame Prozess des Wiederaufbaus und der Aufarbeitung. Die Justiz hat ihr Urteil vollstreckt, doch das Gewicht von 80.000 Morden lastet weiter auf der Nation.