Warum Gefangene Deutsche Jugend-Soldaten Erschossen Wurden

BRAUNSCHWEIG – In einer Sandkuhle bei Braunschweig endete am 6. Juni 1945 das Leben zweier deutscher Jugendlicher durch ein amerikanisches Exekutionskommando. Heinz Petri, 16, und Josef Schoner, 17, standen an einen Holzpfahl gebunden, die Augen mit einem Tuch bedeckt, bevor die Salve fiel. Die offizielle Begründung: Spionage. Ihre Hinrichtung markiert das brutale Finale einer systematischen Indoktrination, die eine ganze Generation zu Kanonenfutter formte.

 

 

Die Wurzeln dieser Tragödie reichen bis in die frühen 1930er Jahre zurück. Mit der Machtübernahme der NSDAP begann die staatliche Vereinnahmung der Jugend. Pfadfinder und kirchliche Gruppen wurden verboten, die Hitlerjugend zur einzigen Option. Was als Abenteuer mit Zeltlagern und Geländespielen begann, entwickelte sich zu einer militärischen Drillanstalt.

 

Bereits 1937 forderte General Erwin Rommel die Verwandlung der Jugendorganisation in eine “Juniorarmee”. Schießausbildung für Zehnjährige wurde zur Norm. Bis 1938 absolvierten 1,5 Millionen Jungen das Waffentraining. Die Indoktrination war chemomechanisch präzise: Schulbücher lehrten Ideologie, Lieder verherrlichten den Tod für den Führer.

 

Der totale Krieg erforderte schließlich das letzte Aufgebot. Nach den verheerenden Verlusten in Stalingrad fiel im Juni 1943 die Entscheidung: Die 12. SS-Panzerdivision “Hitlerjugend” wurde aufgestellt. 20.000 Jungen, fast alle Jahrgang 1926, wurden an Panzern und Maschinengewehren ausgebildet. 65 Prozent der Division waren minderjährig.

 

In der Normandie ab Juni 1944 bewiesen diese Kindersoldaten eine mörderische Effektivität und grenzenlose Brutalität. Bei Gefechten um Caen vernichtete die Division 28 kanadische Panzer. Gleichzeitig begingen ihre Angehörige systematische Kriegsverbrechen. In den Orten Authie und Buron ermordeten sie 156 kanadische Kriegsgefangene – durch Kopfschüsse und Bajonettstiche.

 

Der Befehl “Keine Gefangenen machen” kam von der Divisionführung. Kommandeur Kurt Meyer forderte Vergeltung für alliierte Bombenangriffe. Die jungen Soldaten, für die der Tod die “höchste Ehre” war, führten die Befehle fanatisch aus. Die Grenze zwischen Krieg und Verbrechen löste sich auf.

 

Während die Verantwortlichen wie Meyer später vor Gericht standen, entzogen sich die minderjährigen Täter oft der Justiz. Die Alliierten scheiterten an der systematischen Indoktrination. Ein individueller Schuldnachweis war kaum möglich. Die meisten Verfahren gegen die Jugendlichen wurden eingestellt.

 

Als der Krieg verloren war, opferte das Regime bewusst die letzte Reserve. Im “Volkssturm” wurden Zwölfjährige mit Panzerfäusten aus Klassenzimmern an die Front befohlen. In Berlin verteidigten im April 1945 rund 1.250 Hitlerjungen, manche erst 14 Jahre alt, die Ruinen der Stadt gegen die Rote Armee.

 

Gleichzeitig begann ein Schattenkrieg. Unter dem Codenamen “Werwolf” sollten fanatisierte Jugendliche hinter den alliierten Linien Sabotage und Spionage betreiben. Ohne Uniform, in ziviler Kleidung, waren sie die perfekte Tarnung. Genau dieser Status wurde ihnen zum Verhängnis.

Heinz Petri und Josef Schoner wurden als mutmaßliche Werwolf-Agenten gefasst. Ein US-Militärtribunal in Mönchengladbach verurteilte sie wegen Spionage zum Tode. Die Verhandlung war kurz, eine Verteidigung existierte kaum. Das Kriegsrecht von 1907 kannte keine Gnade für Spione, unabhängig vom Alter.

 

Ihre Hinrichtung am 1. Juni 1945 war kein Einzelfall. In Braunschweig und Rheinberg fällten amerikanische Feldgerichte in schneller Folge Todesurteile. Die Besatzer fürchteten die Werwolf-Paranoia und handelten mit abschreckender Härte. Die Verfahren dauerten oft weniger als 20 Minuten.

 

Der rechtliche Kontrast ist erschütternd. Während der Divisionskommandeur Kurt Meyer, verantwortlich für die Massaker in der Normandie, 1954 nach nur neun Jahren Haft freikam, erhielten die 16- und 17-jährigen Petri und Schoner keine Chance. Die Genfer Konventionen von 1949, die Hinrichtungen Minderjähriger explizit verbieten, kamen für sie zu spät.

 

Die Alliierten standen nach Kriegsende vor einem moralischen Trümmerhaufen. Wie unterscheidet man einen fanatischen Werwolf-Kämpfer von einem traumatisierten Kind? In Internierungslagern versuchte man eine “Deprogrammierung” durch die Konfrontation mit Bildern aus Konzentrationslagern. Viele der ehemaligen Kindersoldaten kehrten in ein normales Leben zurück – belastet von einem Schweigen, das Jahrzehnte andauerte.

 

Historiker wie Michael Kater fanden Jahrzehnte später greise Männer vor, die erst als Großväter über ihre Rolle in der Diktatur sprechen konnten. Ihre Bilanz: Sie waren nicht nur Täter, sondern auch Opfer einer Indoktrination, die ihre Seelen beschädigte.

 

Das Völkerrecht lernte erst spät aus dieser Tragödie. Erst 2002 verschob ein Zusatzprotokoll der UN-Kinderrechtskonvention die Altersgrenze für den Kampfeinsatz von 15 auf 18 Jahre. Für Heinz Petri, Josef Schoner und zehntausende andere deutsche Kindersoldaten kam diese Erkenntnis um mehr als ein halbes Jahrhundert zu spät.

 

Ihre Gräber sind oft namenlos. Ihre genaue Zahl wird nie bekannt sein. Sie starben im Kugelhagel vorrückender Armeen, durch Erschießungskommandos der SS wegen Desertion oder – wie in Braunschweig – durch die kalte Verfahrenslogie der Siegerjustiz. Sie waren die letzte, sinnlos verheizte Generation eines verbrecherischen Systems.