Die Öffentliche Hinrichtung Von Ewa Paradies – Warnung Schwer Erträglich

Danzig, 4. Juli 1946 – Unter der gleißenden Sommersonne vollstreckte der polnische Staat heute ein historisches Urteil. Auf dem Bischofsberg, polnisch Biskupia Górka, wurden elf Kriegsverbrecher des Konzentrationslagers Stutthof öffentlich gehängt. Es ist die letzte Hinrichtung dieser Art in der Geschichte Polens.

 

Unter den Todeskandidaten befand sich die 25-jährige ehemalige SS-Aufseherin Ewa Paradies. Zehntausende Zuschauer, darunter viele Überlebende des Lagers, versammelten sich auf dem staubigen Plateau, um die Vollstreckung zu bezeugen. Die Luft war heiß und schwer, geschnitten von den Silhouetten elf hölzerner Galgen.

 

Gegen 15 Uhr rollten Militärlastwagen langsam durch die schweigende Menge auf den Hinrichtungsplatz. In ihren Ladeflächen standen die Verurteilten, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ewa Paradies blickte mit leerem Gesicht in die Menge, die ihr den Tod entgegensah.

 

Henker legten den Delinquenten die groben Hanfschlingen um den Hals. Der Lastwagen unter Paradies’ Füßen fuhr mit einem Ruck an. Der Boden verschwand. Ihr Körper stürzte in die Tiefe. Elf Leben endeten im gleichen Augenblick. Absolute Stille folgte dem Knirschen der Seile.

 

Die öffentliche Exekution bildet den grausamen Schlusspunkt des ersten Stutthof-Prozesses. Ein Sondergericht in Danzig hatte die Angeklagten am 31. Mai für ihre Verbrechen im nahegelegenen Konzentrationslager zum Tode verurteilt. Die Richter sahen die Beweise als erdrückend an.

 

Ewa Paradies wurde am 17. Dezember 1920 in Lauenburg in Pommern geboren. Sie entstammte einer bescheidenen evangelischen Familie. Nichts in ihrer frühen Biographie deutete auf die spätere Bestialität hin. Sie verließ mit 14 die Schule, ein Schicksal, das sie mit vielen Arbeiterkindern teilte.

 

Jahrelang arbeitete sie als Hilfsarbeiterin in Fabriken in Wuppertal und Erfurt. Ihr Leben war geprägt von Monotonie, Perspektivlosigkeit und der allgegenwärtigen nationalsozialistischen Propaganda. Im August 1944 erhielt die 23-Jährige ihren Marschbefehl zur Ausbildung als SS-Aufseherin.

Ihr Ziel war das Konzentrationslager Stutthof, 34 Kilometer östlich von Danzig. Das Lager, bereits 1939 errichtet, war im Sommer 1944 eine voll funktionierende Todesfabrik. Eine Gaskammer und ein Krematorium sorgten für den “industriellen Kreislauf” der Vernichtung.

 

Paradies durchlief eine kurze Ausbildung. Im Oktober 1944 wurde sie in das Außenarbeitslager Bromberg-Ost versetzt. Hier, fern der direkten Kontrolle der Lagerleitung, entfaltete sie einen sadistischen Terror, der den Kern der späteren Anklage bildete.

 

Zeugen schilderten vor Gericht entsetzliche Szenen. Im bitterkalten Winter 1944/45 befahl Paradies weiblichen Gefangenen, sich nackt im Schnee auszuziehen. Sie übergoss die unterkühlten Körper mit eiskaltem Wasser und schlug auf die wehrlosen Frauen ein.

 

Ihre Grausamkeit kannte keine Grenzen. Wer versuchte, sich vor der Kälte zu schützen, wurde mit Fäusten und Tritten traktiert. Opfer brachen lautlos im Schnee zusammen, mit dunklen Hämatomen auf der gefrorenen Haut. Paradies beobachtete dies kalt.

 

Mit dem Heranrücken der Roten Armee im Januar 1945 wurde Paradies zurück ins Hauptlager Stutthof versetzt. Auch im Chaos des zusammenbrechenden Systems setzte sie ihre Misshandlungen fort. Die Befreiung des Lagers am 9. Mai 1945 überlebte sie nicht als Täterin, sondern als Geflohene.

Sie kehrte in ihre Heimatstadt Lauenburg zurück und versuchte, unterzutauchen. Doch polnische Offiziere spürten sie auf. Ihre Verhaftung machte den Weg frei für den Prozess, der am 25. April 1946 in Danzig begann. Paradies saß neben zwölf weiteren Angeklagten.

 

Fünf Wochen lang verlasen Überlebende ihre erschütternden Zeugenaussagen. Die Beweislage gegen Paradies und die anderen Aufseherinnen wie Gerda Steinhoff und Jenny-Wanda Barkmann wurde als lückenlos bewertet. Keine der Angeklagten zeigte Reue.

 

Das Gericht sah in Paradies kein willenloses Werkzeug, sondern eine aktive Sadistin. Die Urteilsbegründung hielt fest, sie habe Gefangene zu Tode gequält. Das Strafmaß konnte nur die Todesstrafe lauten. Gnadengesuche wurden vom polnischen Präsidenten Bolesław Bierut abgelehnt.

 

Die Entscheidung, die Hinrichtung öffentlich zu vollziehen, war politisch motiviert. Polen, selbst schwer gezeichnet durch den Krieg, wollte ein deutliches Signal der Vergeltung und Gerechtigkeit setzen. Die Ankündigung in der Zeitung „Dziennik Bałtycki“ lockte zehntausende Schaulustige an.

 

Unter den Zuschauern befanden sich auch viele ehemalige Häftlinge. Für sie war dies das Ende eines langen Leidensweges. Sie sahen, wie ihren Peinigern die Schlinge umgelegt wurde. Der symbolische Akt der Gerechtigkeit war für die Überlebenden von unschätzbarem Wert.

Die historische Einordnung des Tages ist komplex. Während die Opfer und der polnische Staat Genugtuung empfanden, markiert der 4. Juli 1946 auch das Ende einer Ära staatlich sanktionierter, öffentlicher Hinrichtungen in Europa. Der Bischofsberg wurde zum letzten Schauplatz dieser Art.

 

Das Leben und die Verbrechen von Ewa Paradies werfen eine quälende Frage auf: Wird das Böse geboren oder gemacht? Ihre Biographie zeigt den schleichenden Prozess der Radikalisierung einer unscheinbaren Frau durch Ideologie und die verzerrende Macht in einem unmenschlichen System.

 

Sie atmete jahrelang den „Giftnebel“ des Nationalsozialismus ein. Die Fabrikarbeiterin ohne Perspektive fand im Lager plötzlich absolute Herrschaft über Leben und Tod. Diese Macht entfesselte, wie das Gericht feststellte, einen bis dahin verborgenen, hungrigen Sadismus.

 

Die öffentliche Hinrichtung auf dem Bischofsberg beendete ihr Leben, aber nicht die Debatte. Sie bleibt ein mahnendes Beispiel dafür, wie gewöhnliche Menschen zu Werkzeugen des außergewöhnlichen Grauens werden können. Die elf Galgen von Danzig stehen gegen das Vergessen.

 

Die Lastwagen mit den Leichen verließen gegen Abend den Platz. Zurück blieben die Galgen, die Stille und die Gewissheit für zehntausend Zeugen: Die Henkerinnen von Stutthof hatten ihre gerechte Strafe erhalten. Ein dunkles Kapitel fand seinen endgültigen, dramatischen Schlussstrich.