Das Massaker von Dachau — e⚹ₓekution von 100 SS-Wachen nach dem „Todeszug“

Dachau befreit: Amerikanische Truppen stoßen auf apokalyptisches Grauen – Berichte über Erschießungen von SS-Wachen nach Entdeckung des „Todeszugs“

 

Ein sonniger Frühlingsnachmittag wird zum Sturz in die Hölle. Am 29. April 1945 erreichen kampferprobte Einheiten der US-Armee das Konzentrationslager Dachau. Was die Veteranen der 45. Infanteriedivision vorfinden, lässt jede soldatische Fassung zerbrechen. Ein infernalischer Gestank liegt über dem Gelände.

 

Die Quelle des Geruchs offenbart sich auf einem Nebengleis: 39 rostige Güterwaggons, gefüllt mit den Leichen von über 2300 Menschen. Der „Todeszug“ aus Buchenwald war ihr Sarg. Die ausgemergelten Körper sind ineinander verkeilt, ein statisches Bild des industrialisierten Mordes. Für die Soldaten, die 500 Tage ununterbrochen im Kampf standen, ist dies der finale Schock.

 

Nichts in den Schlachten Siziliens oder bei Anzio hatte sie auf diesen Anblick vorbereitet. Der Gestank von Verwesung und Tod dringt in Uniformen und Lungen. Erfahrene Männer brechen zusammen, andere erbrechen sich. Dann dringen sie ins Lager vor, befreien über 32.000 sterbende Häftlinge und werden mit dem gesamten Ausmaß des NS-Terrors konfrontiert.

In diesem Moment der grenzenlosen Wut und des Abscheus geschieht, was später als „Massaker von Dachau“ untersucht werden wird. Amerikanische Soldaten treiben gefangengenommene SS-Wachen zusammen. Angehörige der 45. Division sollen Dutzende von ihnen, die sich bereits ergeben hatten, an einer Mauer im Kohlenhof des Lagers exekutiert haben.

 

Augenzeugenberichte und spätere militärinterne Ermittlungen sprechen von 30 bis 50 auf diese Weise getöteten SS-Männern. Die Taten geschehen unmittelbar nach der Konfrontation mit dem Grauen. Es sind keine Gefechtshandlungen, sondern summarische Hinrichtungen, ein klarer Bruch der Kriegsgesetze.

Die befreiten Häftlinge, von jahrelanger Folter und Hunger gezeichnet, beteiligen sich an der blutigen Abrechnung. Sie prügeln entdeckte Wachen zu Tode, während amerikanische Soldaten teils wegschauen oder sogar Beihilfe leisten. Das Chaos der Befreiung wird zur Stunde der Rache.

 

Die US-Militärführung reagiert umgehend. Nur drei Tage nach den Ereignissen ordnet Generalmajor Arthur White eine formelle Untersuchung an. Oberstleutnant Joseph M. Whittaker führt wochenlange Ermittlungen, befragt Zeugen und sichert Beweise. Sein Bericht vom 8. Juni 1945 dokumentiert die Tötungen detailliert.

Dennoch kommt es nie zu Anklagen oder Kriegsgerichtsprozessen gegen die beteiligten US-Soldaten. Der stellvertretende Oberste Militäranwalt für den Europäischen Kriegsschauplatz, Oberst Charles L. Decker, sieht zwar Verstöße gegen das Völkerrecht, erkennt aber „mildernde Umstände“ an.

 

Die psychische Belastung der Truppe, der ununterbrochene Fronteinsatz und der traumatische Schock der Lagerbefreiung führen zur Einstellung des Verfahrens. Eine Entscheidung, die bis heute historisch und moralisch umstritten bleibt und die Frage aufwirft, wo im Angesicht des absoluten Bösen die Grenze zwischen Rache und Gerechtigkeit verläuft.

 

Die befreiten Insassen erlebten den 29. April 1945 als Tag der Erlösung. Für die amerikanischen Befreier wurde er zu einer Zerreißprobe, die die Gesetze des Krieges gegen die unmittelbare menschliche Empörung stellte. Dachau, das erste KZ des NS-Regimes, offenbarte bei seiner Befreiung nicht nur das Ausmaß des Holocaust, sondern auch die abgründige Komplexität menschlichen Handelns im Krieg.