
- Dezember 1945.
Im Gefängnis Hameln herrscht gespenstische Stille.
Eine junge Frau wird aus ihrer Zelle geführt.
Sie ist erst 26 Jahre alt.
Keine Tränen.
Keine Reue.
Keine Bitte um Gnade.
Wenige Minuten später steht sie vor dem Galgen.
Dann öffnet sich die Falltür.
Und das Leben von Elisabeth Volkenrath endet.
Für die Welt ist sie eine Kriegsverbrecherin.
Für viele Überlebende war sie etwas noch Schlimmeres:
Die Frau, die über Leben und Tod entschied.
DIE UNBEKANNTE FRAU, DIE ZUR HERRSCHERIN VON AUSCHWITZ WURDE
Als Elisabeth Volkenrath 1941 freiwillig ihre Arbeit im Konzentrationslager Ravensbrück begann, war sie eine einfache Arbeiterin ohne besondere Ausbildung.
Niemand hätte damals geahnt, dass sie innerhalb weniger Jahre zu einer der mächtigsten Frauen im gesamten Lagersystem aufsteigen würde.
Doch genau das geschah.
Schritt für Schritt.
Beförderung für Beförderung.
Und jede neue Stufe brachte mehr Macht.
Mehr Kontrolle.
Und mehr Verantwortung für das Schicksal tausender Menschen.
DIE FRAU, DIE AUSCHWITZ KANNTE
1942 wurde Volkenrath nach Auschwitz-Birkenau versetzt.
Dort begann ihr Aufstieg.
Während Millionen Menschen in den Vernichtungslagern Europas verschwanden, arbeitete sie mitten im Zentrum der Todesmaschinerie.
Und sie wusste genau, was geschah.
Die Krematorien rauchten Tag und Nacht.
Der Geruch verbrannter Leichen lag über dem Lager.
Niemand, der dort arbeitete, konnte behaupten, nichts gewusst zu haben.
DER AUFSTIEG ZUR MÄCHTIGSTEN FRAU IM LAGER
Im November 1944 erreichte Volkenrath den Höhepunkt ihrer Karriere.
Sie wurde zur Oberaufseherin aller Frauenlagerbereiche von Auschwitz-Birkenau ernannt.
Der höchste Rang, den eine Frau im Lager erreichen konnte.
Mit dieser Beförderung erhielt sie Einfluss über tausende weibliche Häftlinge.
Und laut Zeugenaussagen war sie direkt an den berüchtigten Selektionen beteiligt.
Jenen Momenten, in denen entschieden wurde:
Wer arbeiten durfte.
Und wer in die Gaskammer geschickt wurde.
Ein Fingerzeig.
Eine Entscheidung.
Und ein Mensch verschwand für immer.
DIE FRAU, DIE HÄFTLINGE IN ANGST VERSETZTE
Überlebende beschrieben Volkenrath später als eine der gefürchtetsten Frauen des gesamten Lagersystems.
Manche Zeugen erklärten sogar, sie hätten mehr Angst vor ihr gehabt als vor der berüchtigten:
Irma Grese.
Zeugen berichteten von Schlägen mit Stöcken.
Mit Fäusten.
Mit Gummischläuchen.
Häftlinge wurden bis zur Bewusstlosigkeit misshandelt.
Die Gewalt war kein Ausnahmefall.
Sie gehörte zum Alltag.
BERGEN-BELSEN: DIE LETZTEN MONATE DER HÖLLE
Als die Sowjetarmee Auschwitz erreichte, wurde Volkenrath nach Bergen-Belsen versetzt.
Dort übernahm sie erneut eine Führungsposition.
Doch Bergen-Belsen war inzwischen zu einem Ort des Grauens geworden.
Tausende Menschen starben an Hunger.
Typhus.
Dysenterie.
Völliger Vernachlässigung.
Als britische Soldaten das Lager am 15. April 1945 befreiten, fanden sie rund 60.000 halb verhungerte Häftlinge und mehr als 13.000 unbegrabene Leichen vor.
Selbst erfahrene Soldaten waren schockiert.
DER PROZESS, DER DIE WELT ERSCHÜTTERTE
Nur wenige Monate später begann der berühmte Belsen-Prozess.
45 Angeklagte standen vor einem britischen Militärgericht.
Darunter Lagerkommandanten.
Ärzte.
SS-Wachpersonal.
Und mehrere Frauen.
Die Aussagen der Überlebenden zeichneten ein erschütterndes Bild.
Tagelang berichteten Zeugen über Gewalt.
Misshandlungen.
Selektionen.
Und Mord.
Volkenrath beteuerte ihre Unschuld.
Sie habe nur Befehle ausgeführt.
Doch das Gericht glaubte ihr nicht.
DAS TODESURTEIL
Am 17. November 1945 fiel das Urteil.
Schuldig.
In Auschwitz.
Schuldig.
In Bergen-Belsen.
Das Strafmaß:
Tod durch den Strang.
Gemeinsam mit ihr wurden weitere berüchtigte Täter zum Tode verurteilt.
Darunter:
- Josef Kramer
- Fritz Klein
- Irma Grese
- Johanna Bormann
DIE LETZTE NACHT
Die Nacht vor der Hinrichtung gehört zu den verstörendsten Episoden des gesamten Falls.
Berichten zufolge sangen Volkenrath, Irma Grese und Johanna Bormann gemeinsam nationalsozialistische Lieder in ihren Zellen.
Keine Reue.
Keine Entschuldigung.
Kein Schuldbekenntnis.
DER GALGEN VON HAMELN
Am Morgen des 13. Dezember 1945 betrat der berühmte britische Henker
Albert Pierrepoint
das Gefängnis Hameln.
Innerhalb weniger Stunden sollte er elf Todesurteile vollstrecken.
Volkenrath war die Erste.
Um 9:34 Uhr wurde sie zum Galgen geführt.
Sekunden später war alles vorbei.
Die Frau, die einst über das Schicksal tausender Häftlinge entschieden hatte, konnte über ihr eigenes Schicksal nicht mehr bestimmen.
DIE FRAU ODER DAS SYSTEM?
Doch die Geschichte von Elisabeth Volkenrath wirft bis heute eine unbequeme Frage auf.
War sie ein Monster?
Oder war sie das Produkt eines Systems, das Grausamkeit belohnte und Karrieren auf Gewalt aufbaute?
Historiker streiten darüber bis heute.
Fest steht:
Sie meldete sich freiwillig.
Sie stieg auf.
Sie profitierte vom System.
Und sie nutzte ihre Macht.
DAS DÜSTERE VERMÄCHTNIS
Heute erinnert ihr Name an eine der dunkelsten Wahrheiten des Nationalsozialismus:
Die Täter waren nicht immer Männer.
Nicht immer fanatische Kommandeure.
Nicht immer Generäle.
Manchmal waren es ganz gewöhnliche Menschen.
Menschen, die Karriere machten.
Menschen, die Befehle ausführten.
Menschen, die lernten, Grausamkeit als normale Arbeit zu betrachten.
Und genau das macht die Geschichte von Elisabeth Volkenrath bis heute so erschreckend.