DIE SCHÖNE SS-WÄRTERIN, DIE VOR 200.000 MENSCHEN AM GALGEN STARB — UND DER EX-HÄFTLING, DER SIE MIT EIGENEN HÄNDEN IN DEN TOD STIEẞ

 

Juli 1946.
Kupia Górka bei Danzig.

Noch bevor die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht, hallen Hammerschläge über den Hügel. Arbeiter errichten fünf massive Galgen. Dicke Seile schwingen im Wind. Es riecht nach frischem Holz, Schweiß und feuchter Erde.

Es wirkt wie die Kulisse eines düsteren Theaterstücks.

Doch dies ist keine Inszenierung.

Es ist die größte öffentliche Hinrichtung im Nachkriegspolen.

200.000 MENSCHEN KOMMEN, UM DEN TOD DER SS-WÄRTERINNEN ZU SEHEN

Schon am Vormittag strömen die Menschen herbei.

Zu Fuß.
Mit Fahrrädern.
Auf Pferdekarren.
In überfüllten Autos.

Unter ihnen sind ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Stutthof. Manche bewegen sich nur noch auf Krücken. Andere wirken wie wandelnde Skelette. Monate voller Hunger, Typhus und Misshandlungen haben ihre Körper zerstört.

Doch an diesem Tag wollen sie nur eines sehen:

Gerechtigkeit.

Als der Nachmittag anbricht, verwandelt sich der Hügel in ein Meer aus Menschen. Schulter an Schulter stehen sie in der Sommerhitze. Eine beinahe unheimliche Stille liegt über dem Platz.

Dann rollen die Lastwagen an.

DIE FRAU, DIE WIE EIN FILMSTAR IN DEN TOD GING

Elf Verurteilte steigen auf das Schafott. Unter ihnen fünf Frauen.

Doch eine zieht sofort alle Blicke auf sich:

Jenny-Wanda Barkmann.
24 Jahre alt.

Auf den ersten Blick wirkt sie nicht wie eine Kriegsverbrecherin.

Sie sieht aus wie eine Schauspielerin auf dem Weg zu einer Gala. Ihr dunkles Haar ist perfekt frisiert. Das Make-up sitzt makellos. Sie trägt ihr bestes Kleid.

Überlebende nannten sie später:

„Das schöne Gespenst.“

Denn hinter dem eleganten Gesicht verbarg sich eine sadistische Aufseherin des Konzentrationslagers Stutthof.

Eine Frau, die Gefangene prügelte, Frauen für die Gaskammer auswählte und beim Töten lächelte.

DER MOMENT, ALS ALLES SCHIEFGING

Kurz vor 17 Uhr wird es totenstill.

Die Schlingen liegen bereits um die Hälse der Verurteilten. Die Fahrer der Lastwagen legen den Gang ein. In wenigen Sekunden soll der Boden unter ihren Füßen verschwinden.

Dann passiert etwas Unerwartetes.

Der Mechanismus versagt.

Der Lastwagen unter Jenny Barkmann bewegt sich nicht.

Sie steht weiterhin auf der Ladefläche. Die Schlinge schneidet sich tief in ihren Hals, aber sie lebt noch. Ihre Brust hebt und senkt sich hektisch.

Ein nervöses Murmeln geht durch die Menge.

Niemand weiß, was als Nächstes passieren wird.

DER EX-HÄFTLING, DER SIE SELBST IN DEN TOD STIEẞ

Dann geschieht das Unfassbare.

Ein einzelner Mann durchbricht die Absperrung.

Er trägt die gestreiften Reste einer Häftlingsuniform. Sein Körper ist abgemagert bis auf die Knochen. Doch trotz seiner Schwäche rennt er mit eiserner Entschlossenheit auf das Schafott zu.

Die Wachen greifen nicht ein.

Niemand hält ihn auf.

Der ehemalige Häftling springt auf die Ladefläche des Lastwagens. Er stellt sich direkt neben Jenny Barkmann — die Frau, die seine Freunde in die Gaskammern geschickt hatte.

Er sagt kein Wort.

Dann stößt er sie mit beiden Händen in die Tiefe.

Das Seil spannt sich mit einem trockenen Knall.

DER LANGSAME TOD DES „SCHÖNEN GESPENSTS“

Jenny Barkmann fällt.

Ihr Körper zuckt brutal nach unten. Die Beine schlagen wild in der Luft umher. Ihr sorgfältig frisiertes Haar fällt ihr ins Gesicht.

Doch es ist kein schneller Tod.

Der kurze Fall bricht ihr nicht das Genick.

Die Schlinge zerquetscht langsam ihre Luftröhre. Sie erstickt bei vollem Bewusstsein.

200.000 Menschen sehen zu, wie die einst elegante junge Frau minutenlang am Galgen kämpft.

Der Mythos vom „schönen Gespenst“ endet zappelnd im Wind.

WER WAR JENNY BARKMANN?

Jenny-Wanda Barkmann wurde 1922 in Hamburg geboren. Ihre Kindheit wirkte vollkommen gewöhnlich. Keine Hinweise auf spätere Gewalt. Keine bekannte psychische Krankheit.

Sie träumte von Glamour.

Von Laufstegen.
Von Paris.
Von Mode und Bewunderung.

Doch der Krieg zerstörte diese Träume.

1944 meldete sie sich freiwillig zur SS. Das Angebot klang harmlos: gutes Gehalt, bessere Lebensmittelrationen und eine Uniform mit gesellschaftlichem Status.

Was sie wirklich bekam, war Macht über Leben und Tod.

DIE HÖLLE VON STUTTHOF

Im Frauenlager SK3 von Stutthof herrschten Zustände wie in einem Albtraum.

Die Häftlinge waren nur noch Haut und Knochen. Sie schliefen dicht gedrängt auf rohen Holzpritschen. Typhus und Tuberkulose breiteten sich rasend schnell aus. Jeden Morgen wurden neue Leichen aus den Baracken getragen.

Doch Barkmann zeigte kein Mitleid.

Sie trug ständig eine Reitgerte bei sich. Sie schlug Gefangene wahllos zusammen — oft nur zur Unterhaltung.

Überlebende berichteten später, dass sie bei Selektionen für die Gaskammer lächelte. Ein Fingerzeig von ihr entschied darüber, wer leben durfte und wer sterben musste.

DIE FRAUEN, DIE ZU BESTIEN WURDEN

Barkmann war nicht allein.

Auch Gerda Steinhoff, Elisabeth Becker, Eva Paradies und Wanda Klaff gehörten zu den berüchtigten Aufseherinnen von Stutthof.

Das Erschreckende:

Keine von ihnen war als Monster geboren worden.

Sie waren Hausmädchen. Verkäuferinnen. Straßenbahnschaffnerinnen. Gewöhnliche junge Frauen aus einfachen Verhältnissen.

Doch innerhalb weniger Monate verwandelten sie sich in sadistische Täterinnen.

Sie prügelten Gefangene tot.
Sie quälten Kranke.
Sie schickten Frauen und Kinder in die Gaskammern.

DAS LAGER DES TODES

Stutthof wurde bereits am 2. September 1939 eröffnet — nur einen Tag nach dem deutschen Überfall auf Polen.

Mindestens 110.000 Menschen gingen durch das Lager.

Mehr als 65.000 starben dort.

Anfangs wurden politische Gegner erschossen. Später entstanden Gaskammern und ein Krematorium. Die SS verlangte immer effizientere Methoden des Mordens.

1944 brach das Lager endgültig zusammen.

Über 50.000 Menschen waren in Baracken eingepfercht, die eigentlich nur für 10.000 ausgelegt waren. Hunger, Typhus und Massentod bestimmten den Alltag.

DIE FLUCHT UND DIE VERHAFTUNG

Als die Rote Armee näher rückte, flohen die SS-Wärterinnen panisch.

Jenny Barkmann färbte ihre Haare und besorgte sich falsche Papiere. Sie glaubte, im Chaos untertauchen zu können.

Doch ehemalige Häftlinge erkannten sie sofort.

Am Bahnhof von Danzig wurde sie festgenommen. Kurz darauf klickten auch bei den anderen Wärterinnen die Handschellen.

DER PROZESS, DER GANZ POLEN ERSCHÜTTERTE

Am 25. April 1946 begann in Danzig der Prozess gegen die Aufseherinnen und weiteres Lagerpersonal.

Die Aussagen der Überlebenden waren erschütternd.

Sie beschrieben Schläge mit Reitpeitschen. Willkürliche Morde. Selektionen für die Gaskammern.

Doch viele Angeklagte zeigten keinerlei Reue.

Gerda Steinhoff lachte während der Verhandlung. Jenny Barkmann saß regungslos da und glaubte offenbar bis zuletzt an einen Freispruch.

Als ein Reporter Barkmann nach dem Todesurteil fragte, antwortete sie kalt:

„Das Leben ist nun mal ein Vergnügen, und Vergnügen sind gewöhnlich kurz.“

DAS ENDE DER SS-WÄRTERINNEN

Am 31. Mai 1946 wurden alle Angeklagten schuldig gesprochen. Zwölf Todesurteile durch den Strang.

Das Gericht machte klar:

Diese Frauen hatten nicht nur Befehle befolgt.

Sie hatten freiwillig gefoltert, selektiert und gemordet.

Und deshalb endete ihre Geschichte auf einem Hügel bei Danzig.

Vor den Augen von 200.000 Menschen.

Unter dem Knarren eines Galgens im Sommerwind.