Ein sowjetischer Vorstoß beendet die Hölle von Majdanek – doch ihr schlimmster Henker entkommt zunächst
Die Rote Armee durchbricht am 22. Juli 1944 die Tore des Konzentrationslagers Majdanek bei Lublin. Was die Soldaten vorfinden, ist keine befreite Zone, sondern eine konservierte Hölle. Die Krematoriumsöfen sind noch warm, der beißende Geruch von Zyklon B hängt in den Gaskammern, an den Wänden klebt frisches Blut. Zwischen Aschegruben irren abgemagerte Überlebende umher. Dies ist das unmittelbare, unauslöschliche Zeugnis des industriellen Massenmords.
Im Zentrum dieses Grauens stand ein Mann: Erich Muhsfeldt. Der ehemalige Bäcker aus Neubrück hatte sich zum gefürchteten Kommandanten der Krematorien in Majdanek und später Auschwitz aufgestiegen. Zeugen berichten von einem Sadisten, der nicht aus Pflicht, sondern aus Vergnügen tötete. Er warf Kinder lebendig in die Flammen, schlug Menschen mit Schaufelstielen zu Tode und exekutierte willkürlich.
Seine besondere Grausamkeit zeigte sich während der “Aktion Erntefest” im November 1943. Unter seiner Beteiligung wurden in Majdanek, Poniatowa und Trawniki etwa 43.000 jüdische Zwangsarbeiter systematisch erschossen. Lautsprecher übertönten mit Walzermusik das Maschinengewehrfeuer und die Schreie der Sterbenden.

Noch bevor die Rote Armee Majdanek erreichte, wurde Muhsfeldt an den Ort zurückversetzt, der zum Synonym des Bösen wurde: Auschwitz-Birkenau. Hier überwachte er während der “Ungarn-Aktion” die Krematorien, als innerhalb weniger Wochen über 400.000 ungarische Juden ermordet wurden. Ein Häftlingsarzt bezeugte, wie Muhsfeldt ein 16-jähriges Mädchen, das die Gaskammer überlebt hatte, persönlich erschoss.
Gegen Kriegsende trieb er Häftlinge auf Todesmärschen voran und erschoss Erschöpfte eigenhändig. Für seine “Dienste” erhielt er das Kriegsverdienstkreuz. Nach der Kapitulation geriet er in alliierte Gefangenschaft und wurde zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt.

Polen forderte seine Auslieferung. Vor dem Obersten Nationalen Tribunal in Krakau stand er sich im November 1947 für seine Verbrechen in Auschwitz und Majdanek verantworten. Die Beweislage war erdrückend. Am 22. Dezember 1947 wurde Erich Muhsfeldt zum Tode durch den Strang verurteilt.
Das Urteil wurde am 24. Januar 1948 im Krakauer Gefängnis Montelupich vollstreckt. Sein Leichnam wurde nicht bestattet, sondern der medizinischen Fakultät der Universität Krakau für anatomische Studien übergeben. Der Mann, der tausende Leichen verbrannte, wurde selbst zum Objekt.

Majdanek blieb als eines der am besten erhaltenen Lager des Dritten Reiches zurück. Die intakten Gaskammern und Krematorien sind stumme, steinerne Zeugen für über 100.000 Morde. Die Geschichte Erich Muhsfeldts zeigt die erschreckende Mechanik des Bösen: Ein gewöhnlicher Mann wurde in einem System, das Grausamkeit belohnte und Mord normalisierte, zu einem Architekten des Terrors.
Während die letzten Zeitzeugen verstummen, bleibt die physische Evidenz von Orten wie Majdanek eine ewige Mahnung. Die Befreiung des Lagers vor 80 Jahren war kein Schlussstrich, sondern der Beginn einer langen Auseinandersetzung mit der menschlichen Fähigkeit zu unbeschreiblicher Grausamkeit.