
29. April 1945.
Nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs erreichen amerikanische Truppen das Konzentrationslager Dachau. Was sie dort entdecken, gehört zu den schockierendsten Szenen des gesamten Krieges. Der Gestank von Verwesung liegt in der Luft. Vor dem Lager stehen Dutzende Eisenbahnwaggons voller Leichen. Im Inneren von Dachau finden die Soldaten Zehntausende völlig ausgemergelte Häftlinge vor, viele von ihnen dem Tod näher als dem Leben.
Inmitten dieses Chaos befindet sich ein Mann, dessen Name bis heute mit den letzten Stunden des Lagers verbunden ist: Heinrich Wicker.
VOM HITLERJUNGEN ZUM SS-OFFIZIER
Heinrich Wicker wurde am 30. Juni 1921 in Deutschland geboren. Bereits als Jugendlicher trat er der Hitlerjugend bei und wurde früh von der nationalsozialistischen Ideologie geprägt. Mit nur 16 Jahren schloss er sich der SS an und begann seine Ausbildung bei den berüchtigten Totenkopfverbänden, die für die Bewachung der Konzentrationslager zuständig waren.
Im Laufe des Krieges diente Wicker an verschiedenen Fronten und stieg innerhalb der SS auf. Nach einer Verwundung wurde er in Ausbildungs- und Lagerdienste versetzt und übernahm später Führungspositionen in mehreren Konzentrationslagern.
DIE TODESMÄRSCHE
In den letzten Kriegsmonaten beteiligte sich Wicker an der Organisation sogenannter Todesmärsche.
Tausende Häftlinge wurden unter unmenschlichen Bedingungen quer durch Deutschland getrieben. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde häufig erschossen oder dem sicheren Tod überlassen. Während eines von Wicker geführten Todesmarsches starben zahlreiche Gefangene an Hunger, Erschöpfung oder durch direkte Gewalt.
DER LETZTE KOMMANDANT VON DACHAU
Am 28. April 1945, nur einen Tag vor der Befreiung, übernahm Wicker die Leitung des Konzentrationslagers Dachau, nachdem der bisherige Lagerkommandant geflohen war. Die militärische Lage war hoffnungslos.
Anders als viele andere SS-Offiziere entschied sich Wicker schließlich, das Lager nicht zu evakuieren. Gemeinsam mit Vertretern des Roten Kreuzes bereitete er die Übergabe an die heranrückenden amerikanischen Truppen vor. Am 29. April 1945 kapitulierte Dachau offiziell vor der US-Armee.
DER SCHOCK DER BEFREIER
Die amerikanischen Soldaten waren kampferfahrene Veteranen. Doch nichts hatte sie auf Dachau vorbereitet.
Vor dem Lager fanden sie einen Zug mit rund 40 Waggons voller verwesender Leichen. Im Lager selbst lagen weitere Tote auf den Straßen und zwischen den Baracken. Viele Überlebende waren nur noch Haut und Knochen. Für zahlreiche Soldaten war dies der Moment, in dem ihre Wut jede militärische Disziplin überlagerte.
DAS DACHAU-MASSAKER
Kurz nach der Befreiung wurden zahlreiche SS-Wachen zusammengetrieben.
Amerikanische Soldaten eröffneten das Feuer auf gefangene Wachmänner. Andere SS-Angehörige wurden später von ehemaligen Häftlingen erschlagen oder zu Tode geprügelt. Historiker gehen heute davon aus, dass zwischen 30 und 50 SS-Wachen während dieser Vergeltungsaktionen starben.
WIE STARB HEINRICH WICKER?
Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wie Heinrich Wicker ums Leben kam.
Nach einer Version wurde er von amerikanischen Soldaten erschossen.
Nach einer anderen Darstellung wurde er von ehemaligen Häftlingen erkannt, überwältigt und zu Tode geprügelt. Sein Leichnam soll anschließend zwischen die Körper ermordeter Gefangener gelegt worden sein. Eine endgültige Klärung gibt es bis heute nicht.
EIN SYMBOL FÜR DAS ENDE DES DRITTEN REICHES
Heinrich Wicker war erst 23 Jahre alt, als er starb.
Sein Tod fiel mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Lagersystems zusammen. Für viele Überlebende war sein Ende ein Symbol der Vergeltung für Jahre der Folter, des Hungers und des Massenmords. Für Historiker bleibt sein Schicksal Teil der komplexen und oft widersprüchlichen Geschichte der Befreiung von Dachau – einem Tag, an dem Befreiung, Gerechtigkeit und Rache untrennbar miteinander verschmolzen.