DAS DACHAU-MASSAKER – ALS US-SOLDATEN DAS HORRORLAGER BEFREITEN … UND DANN SELBST ZU HENKERN WURDEN

 

9. April 1945.

Die Soldaten der 45. US-Infanteriedivision stehen kurz vor München. Sie haben mehr als 500 Tage ununterbrochen gekämpft. Sizilien, Salerno, Anzio, Südfrankreich, Deutschland – überall haben sie Tod und Zerstörung erlebt. Drei Viertel ihrer ursprünglichen Kameraden sind gefallen oder verwundet. Doch nichts konnte sie auf das vorbereiten, was sie an diesem Tag entdecken würden.

DER TODESZUG VON DACHAU

Noch bevor die Amerikaner das Konzentrationslager Dachau erreichen, schlägt ihnen ein unerträglicher Gestank entgegen.

Dann entdecken sie einen Zug.

39 Güterwagen stehen auf einem Nebengleis.

Im Inneren liegen die Leichen von Tausenden Menschen, übereinandergestapelt wie Brennholz. Viele sind verhungert, verdurstet oder an Krankheiten gestorben. Manche Augen stehen noch offen. Überall Verwesung, Tod und Stille. Die Soldaten brechen zusammen, übergeben sich oder starren fassungslos auf die Szene.

Der berüchtigte „Todeszug“ war nur der Vorgeschmack auf das, was sie hinter den Toren von Dachau erwartete.

DIE HÖLLE HINTER DEM STACHELDRAHT

Dachau war das erste Konzentrationslager des NS-Regimes.

Seit 1933 hatte sich das Lager zu einem riesigen Netzwerk aus Haupt- und Außenlagern entwickelt. Politische Gegner, Juden, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und viele andere wurden hier eingesperrt, gefoltert und ermordet.

Bei ihrer Ankunft finden die Amerikaner:

  • Zehntausende völlig ausgemergelte Häftlinge
  • Berge von Leichen
  • Überfüllte Baracken
  • Seuchen wie Typhus und Tuberkulose
  • Spuren grausamer medizinischer Experimente

Für viele Soldaten ist dies der Moment, in dem jede emotionale Kontrolle zusammenbricht.

DIE BEFREIUNG WIRD ZUR RACHE

Während die Amerikaner das Lager sichern, ergeben sich zahlreiche SS-Wachen.

Nach dem Kriegsrecht hätten sie als Kriegsgefangene behandelt werden müssen.

Doch viele US-Soldaten sehen keine Gefangenen mehr vor sich.

Sie sehen die Männer, die Teil eines Systems waren, das Tausende Menschen verhungern, foltern und sterben ließ.

Wut verdrängt Disziplin.

Rache verdrängt Recht.

DIE ERSCHIESSUNGEN IM KOHLEHOF

Im sogenannten Kohlehof werden gefangene SS-Angehörige zusammengetrieben.

Dann fallen Schüsse.

Mehrere amerikanische Soldaten eröffnen das Feuer auf bereits entwaffnete und kapitulierende Wachen. Einige werden durch Maschinengewehrsalven getötet, andere durch gezielte Kopfschüsse aus nächster Nähe.

Der Offizier Felix Sparks greift schließlich ein und zwingt seine Männer, das Feuer einzustellen.

Doch zu diesem Zeitpunkt sind bereits zahlreiche Gefangene tot.

WIE VIELE STARBEN?

Die genaue Zahl bleibt bis heute umstritten.

Spätere Untersuchungen der US-Armee kamen zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich zwischen 30 und 50 SS-Wachen durch amerikanische Soldaten getötet wurden. Andere spätere Behauptungen nannten deutlich höhere Zahlen, konnten jedoch nie überzeugend belegt werden.

Historiker gehen heute überwiegend davon aus, dass die niedrigeren Schätzungen den tatsächlichen Ereignissen näherkommen.

AUCH DIE HÄFTLINGE NAHMEN RACHE

Nicht nur amerikanische Soldaten griffen SS-Männer an.

Viele befreite Häftlinge stürzten sich auf ehemalige Wachleute.

Jahrelange Folter, Hunger und Erniedrigung entluden sich innerhalb weniger Stunden in brutaler Selbstjustiz.

Mehrere SS-Angehörige wurden erschlagen, zu Tode geprügelt oder von Menschenmengen regelrecht zerrissen.

Für viele Überlebende war dies keine Rache.

Es war die Abrechnung nach Jahren der Hölle.

KRIEGSVERBRECHEN ODER MENSCHLICHE REAKTION?

Juristisch ist die Sache eindeutig:

Die Erschießung bereits kapitulierter Gefangener verstieß gegen das Kriegsrecht und die Genfer Konventionen.

Moralisch ist die Frage weit schwieriger.

Die beteiligten Soldaten hatten gerade einen Todeszug voller Leichen gesehen.

Sie standen in einem Lager, in dem Tausende Menschen systematisch vernichtet worden waren.

Viele Historiker betrachten die Tötungen deshalb als rechtswidrige, aber psychologisch nachvollziehbare Reaktionen auf das unfassbare Grauen von Dachau.

KEINE ANKLAGEN

Die US-Armee leitete zwar Untersuchungen ein.

Zeugen wurden befragt.

Berichte wurden erstellt.

Doch am Ende wurde niemand angeklagt. Die militärische Führung entschied, dass die außergewöhnlichen Umstände eine Strafverfolgung nicht rechtfertigten.

Diese Entscheidung bleibt bis heute umstritten.

EIN TAG VOLLER WIDERSPRÜCHE

Der 29. April 1945 war zugleich ein Tag der Befreiung und ein Tag der Vergeltung.

Die amerikanischen Soldaten retteten Zehntausenden Menschen das Leben.

Gleichzeitig überschritten einige von ihnen die Grenzen des Kriegsrechts.

Dachau erinnert uns daran, dass Krieg nicht nur Körper zerstört.

Er zerstört auch moralische Gewissheiten.

Und manchmal verwandelt selbst die Befreiung einer Hölle die Befreier für einen Augenblick in Richter, Geschworene – und Henker.