IGLAU, Tschechoslowakei – Eine Frau, deren Leben von Rache geprägt war, fand ihr Ende am Galgen vor den Augen einer schweigenden Menge. Ihr Fall enthüllt die abgründige Brutalität der Besatzungszeit und die unerbittliche Vergeltung der Nachkriegsjustiz.
Herta Kasparova, 23 Jahre alt, wurde heute Nachmittag auf dem Schlossplatz von Trascht öffentlich gehängt. Die Hinrichtung folgte einem kurzen, aber erdrückenden Prozess vor einem außerordentlichen Volksgericht. Das Urteil: schuldig der Kollaboration, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Mitverantwortung für den Tod von 33 tschechischen Bürgern.
Die Richter ließen keinen Raum für Gnade. Sie ordneten die Todesstrafe durch Pfählen an – eine traditionelle Methode für Verräter, die einen langsamen, qualvollen Tod durch Ersticken bedeutet. Die Exekution war kein geheimes Ereignis, sondern ein öffentliches Spektakel der Vergeltung.
Tausende Menschen, darunter Familien der Opfer, versammelten sich, um das Ende der Frau zu sehen, die einst ihre Nachbarin war. Zeugen beschrieben eine zitternde, flehende Gestalt, die von Wärtern zum hölzernen Pfahl geschleift werden musste, nachdem sie zusammengebrochen war.
Kasparovas Weg zum Galgen begann am 21. Juni 1923 in Trascht. Als Kind der sudetendeutschen Minderheit wurde sie mit einer deformierten rechten Bein geboren, was sie zur Zielscheibe grausamen Spottes machte. Diese Demütigungen fraßen sich tief in ihre Seele ein.
Der Einmarsch deutscher Truppen im März 1939 katapultierte die gedemütigte Jugendliche in eine Position unerwarteter Macht. Ihre perfekte Zweisprachigkeit und ihre Ortskenntnis machten sie für die Besatzer wertvoll. Sie wurde zur Schnittstelle zwischen Henkern und Opfern.
Ab 1940 arbeitete sie offiziell als Büroangestellte, später als Übersetzerin für die deutsche Kriminalpolizei und die Gestapo in Iglau und Zlin. Ihre Rolle ging weit über das Dolmetschen hinaus; sie wurde zum Filter des Terrors in Verhörzimmern, wo Folter Alltag war.
Doch der Kern ihrer Motivation war, wie sie später vor Gericht zugab, nicht Ideologie, sondern blanke Rache. Die Gestapo gab ihr Macht, und sie nutzte sie, um Rechnungen aus ihrer Kindheit zu begleichen. Jeder Spott, jede Kränkung wurde registriert.
Ihr verhängnisvollster Tag war der 7. Mai 1945. Nach einem kurzlebigen tschechischen Aufstand startete die SS eine brutale Gegenoffensive. Über 100 Männer wurden auf dem Marktplatz von Trascht zusammengetrieben. Die SS, ortsfremd, brauchte einen Führer.

Sie holten Herta Kasparova. In einem offenen Wagen fuhr sie an den Reihen der Gefangenen vorbei. Mit einem Fingerzeig, einem Schnippen, selektierte sie 33 Männer – Nachbarn, darunter zwei, die sie in der Schule gehänselt hatten. Alle wurden noch am selben Tag exekutiert.
Ihre Flucht nach Kriegsende scheiterte. 1946 wurde sie in Österreich aufgespürt und nach Tschechien zurückgebracht. Der Prozess war kurz, die Beweislage erdrückend. Zeugen aus Trascht und Überlebende der Gestapo-Verhöre sagten gegen sie aus.
Im Gerichtssaal zeigte sie keine Reue. Sie gestand, aus Rache gehandelt zu haben. “Sie schickte Menschen in den Tod, weil sie Vergeltung wollte. Für den Spott auf dem Schulhof, für die Plünderung ihres Elternhauses”, sagte ein Anklagevertreter.
Die Hinrichtung heute markiert das Ende einer der dunkelsten Kapitel der regionalen Besatzungsgeschichte. Sie steht symbolisch für die blutige Abrechnung mit Kollaborateuren, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit oft schneller und brutaler war als die Prozesse gegen hochrangige NS-Funktionäre.
Für die Menschen in Trascht ist der Fall Kasparova mehr als nur Justiz. Er ist eine schmerzhafte Erinnerung daran, wie persönliche Verletzung unter dem Deckmantel der Besatzungsmacht in mörderischen Volkszorn umschlagen konnte. Der Galgen beendete ein Leben, aber nicht das Trauma einer zutiefst gespaltenen Stadt.
Der hölzerne Pfahl, eigens für diese Hinrichtung gezimmert, bleibt als mahnendes Symbol auf dem Schlossplatz stehen. Die offizielle Tschechoslowakei sendet mit dieser Exekution ein klares Signal: Verrat an der eigenen Bevölkerung wird mit der ultimativen Härte des Gesetzes geahndet.
Die Geschichte der Herta Kasparova – vom verkrüppelten Mädchen zur gefürchteten Denunziantin zur Verurteilten am Galgen – wird nun Teil der nationalen Erzählung über Besatzung, Widerstand und die komplexe, oft grausame Suche nach Gerechtigkeit in der Stunde Null.