MOSKAU – In den frühen Morgenstunden des 4. Februar 1940 fand eine der symbolträchtigsten Hinrichtungen der sowjetischen Geschichte tief in den Kellern der Lubjanka statt. Der Mann, der zum Inbegriff des „Großen Terrors“ geworden war, Nikolai Jeschow, wurde selbst vor ein Exekutionskommando gestellt. Seine finale, panische Fahrt durch den endlosen Betonkorridor markiert das brutale Ende des blutigsten Henkers der Stalin-Ära.
Augenzeugenberichte, die erst Jahrzehnte später zugänglich wurden, schildern einen gebrochenen, schreienden Mann, der von Wachen zum Ort seiner Hinrichtung geschleift wurde. Dieses Ende stand in scharfem Kontrast zu der unermesslichen Macht, die Jeschow als Volkskommissar für Innere Angelegenheiten und Chef des NKWD bis vor kurzem innehatte. Er war der Architekt eines beispiellosen staatlichen Terrors.
Jeschows Aufstieg schien unwahrscheinlich. Geboren 1895 in ärmste Verhältnisse, trat er 1917 den Bolschewiki bei. Seine krankhafte Arbeitswut und skrupellose Effizienz fielen Stalin auf. 1936 ernannte der Diktator ihn zum NKWD-Chef, nachdem er seinen Vorgänger Jagoda gestürzt hatte. Jeschow wurde Stalins perfektes Werkzeug für die kommende Säuberung.
Unter dem Deckmantel, eine angebliche landesweite Verschwörung zu zerschlagen, entfesselte Jeschow ab 1937 eine Maschinerie des Terrors. Auf Basis von willkürlichen Quoten wurden Hunderttausende verhaftet, gefoltert und exekutiert. Die Rote Armee, die Parteielite, Bauern und ganze Nationalitäten fielen der „Jeschowschtschina“ zum Opfer.
Jeschow führte den Terror nicht nur aus der Ferne. Berichte bezeugen, dass er persönlich an Folterungen teilnahm und seine Uniform mit dem Blut von Gefangenen beschmiert war. Er entwarf effiziente Hinrichtungsräume mit abgeschrägtem Boden für den Blutabfluss. Sein sadistischer Eifer brachte ihm den Spitznamen „der blutige Zwerg“ ein.
Während das Land in Angst erstarrte, lebte Jeschow mit seiner Frau Jewgenija und Adoptivtochter Natascha in schierem Luxus. Der Kontrast zwischen dem privaten Familienvater und dem mörderischen Bürokraten war verstörend. Doch seine Nützlichkeit für Stalin war zeitlich begrenzt.
Bis Ende 1938 hatte der Terror seine Funktion erfüllt. Stalins Macht war absolut. Der Henker wurde zum potenziellen Belastungszeugen und politischen Risiko. Im April 1939 wurde Jeschow scheinbar befördert, faktisch aber entmachtet. Sein Nachfolger Lawrenti Beria übernahm bereits die Kontrolle über den NKWD.

Die Verhaftungswelle erreichte bald Jeschows engstes Umfeld. Seine Frau beging im November 1938 Selbstmord, nachdem er ihr das vereinbarte Warnsignal geschickt hatte. Am 10. April 1939 wurde Nikolai Jeschow selbst verhaftet. Der Schüler traf es mit den eigenen Waffen.
Monatelang wurde er in denselben Verliesen gefoltert, die er hatte bauen lassen. Unter der Folter gestand er absurde Verbrechen, von Spionage bis zu „homosexuellem Ausschweifen“. Sein Prozess am 3. Februar 1940 vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichts war eine Farce. Er widerrief seine Geständnisse und beteuerte seine Loyalität zu Stalin.
Das Todesurteil wurde umgehend gefällt. Jeschow brach zusammen, wurde ohnmächtig und flehte um Gnade. Alle Gesuche wurden sofort abgelehnt. Noch in derselben Nacht, am 4. Februar 1940, wurde er im Keller der Militärpolizei hingerichtet. Der Schuss traf ihn im Hinterkopf.
Sein Leichnam wurde eingeäschert und die Asche in einem anonymen Massengrab auf dem Donskoi-Friedhof beigesetzt – neben Tausenden seiner eigenen Opfer. Sein Name wurde aus der offiziellen Geschichte getilgt. Seine Tochter musste den Namen ablegen.
Die historische Bewertung Jeschows ist eindeutig. Er bleibt die Personifikation des staatlich organisierten Mordes während des Großen Terrors. Weder die Sowjetunion noch das moderne Russland haben ihn rehabilitiert. Sein Ende unterstreicht die brutale Logik des Systems, das er miterschuf: Der Vollstrecker wurde zum letzten, bedeutungslosen Opfer seiner eigenen Maschinerie.