Exklusiv: Das verborgene Schicksal der Frauen an Saddams Seite
Während die Welt auf den Galgen blickte, begann für zwei Frauen ein Albtraum aus Einsamkeit, Verfolgung und sozialem Tod. Sajida Talfa und Samira Schabandar, die Ehefrauen des hingerichteten Diktators Saddam Hussein, verschwanden nach dem 30. Dezember 2006 in den Schatten eines erbarmungslosen Exils. Ihre Flucht durch die diplomatischen und finanziellen Hintertüren der Welt offenbart das brutale Ende einer Dynastie.
Jahrzehntelang bewegten sie sich durch Marmorpaläste, umgeben von absolutem Luxus und ständiger Todesangst. Sie teilten das Bett des Tyrannen, gebaren seine Kinder und befehligten mit einem Blick das Schicksal von Bediensteten. Ihr Leben in goldenen Käfigen zerbrach mit dem Fall Bagdads im April 2003. Was folgte, war eine Odyssee durch Kontinente, geprägt von Angst und Demütigung.
Sajida, die Cousine und erste Ehefrau, floh unter dem Schutz der Dunkelheit nach Jordanien. Als politische Architektin der Familie kannte sie die Regeln des Überlebens. König Abdullah II. gewährte Asyl, doch die Bedingungen waren eisern. Ihre Villa im vornehmen Abdun-Viertel Ammans wurde zu einem luxuriösen Gefängnis unter der totalen Überwachung des Geheimdienstes.
Ihr Alltag war ein Kampf gegen den finanziellen Kollaps. Millionen, aus dem Irak geschmuggelt, schmolzen dahin. Die astronomischen Anwaltskosten für Saddams Prozess, die Versorgung der Familie – Stück für Stück musste sie ihren millionenschweren Schmuck verkaufen. Jeder verkaufte Diamant war ein Stück verlorener Identität.

Ihre Töchter Raghad und Rana lebten im Trauma. Deren Ehemänner, die Kamel-Brüder, waren Jahre zuvor auf Saddams Befehl hin hingerichtet worden. Nun waren sie Witwen im Exil. Raghad, politisch ambitioniert, geriet ins Visier. Der Vorwurf der Finanzierung irakischer Aufständischer machte sie zur international Gesuchten und erhöhte den Druck auf Sajida ins Unerträgliche.
Samira Schabandar, die blonde, westlich gebildete zweite Frau, wählte einen anderen Weg. Sie floh mit Koffern voller Bargeld und Juwelen in den Libanon. Ihr fehlten Sajidas mächtige Stammesverbindungen. Sie vertraute auf Geld und ein Netzwerk dubioser Geschäftsleute. In Beiruts Bankenviertel wurde sie zum Geist, der digitale Spuren löschte und Währungen wusch.
Doch der Libanon bot keinen Schutz. Von schiitischen Milizen bedroht und von den Behörden fallen gelassen, musste sie mit gefälschten Papieren nach Syrien fliehen. Das Assad-Regime gewährte ihr zunächst Sicherheit in einem abgeschirmten Villenviertel Damaskus’. Sie lebte unter einem Decknamen, eine Gefangene der Umstände, abhängig von der Gnade eines brutalen Regimes.

Die Hinrichtung Saddams am 30. Dezember 2006 war kein Ende, sondern der Startschuss für eine neue Jagd. In Amman empfing Sajida die Nachricht in kontrollierter Starre. Die Demütigung folgte umgehend: Die irakische Regierung verweigerte der ersten Ehefrau das Recht auf Bestattung und begrub Saddam heimlich. Diese letzte Pflicht verweigert zu bekommen, traf sie zutiefst.
Ihr Status kippte endgültig. Sie waren nicht länger die Familie eines Staatschefs, sondern die Angehörigen eines hingerichteten Kriegsverbrechers. Die irakische Regierung forderte ihre Auslieferung. Jordanien lehnte ab, drehte aber die Daumenschrauben an: Aufenthaltserlaubnisse wurden gekürzt, Konten eingefroren, Bewegungsradius begrenzt. Enkelkindern wurde die Einreise verweigert.
Die soziale Vernichtung war vollständig. Alte Freunde mieden sie, Banken verweigerten die Kontoführung. Sajida, einst First Lady, war in den Straßen Ammans ein Sicherheitsrisiko. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide; Diabetes und schwere Depressionen setzten ihr zu. Sie verkaufte die letzten Juwelen, darunter Kriegsbeute aus Kuwait, zu Schleuderpreisen.

Für Samira in Syrien brach 2011 mit dem Arabischen Frühling die scheinbare Sicherheit zusammen. Der Bürgerkrieg machte alte Schutzversprechen wertlos. Plötzlich war die Frau, die einst die Aufmerksamkeit ganzer Räume beherrschte, nur noch eine flüchtige Belastung in einem brennenden Land. Ihre Spur verliert sich im Chaos des Konflikts.
Die Kinder und Enkel zahlten einen hohen Preis. Raghad lebte als Gejagte, Ranas Kinder wuchsen staatenlos auf, ihrer irakischen Staatsbürgerschaft beraubt. Sie besuchten Privatschulen unter falschen Namen, während die Welt ihren Großvater als Monster jagte. Der Clan, einst zusammengehalten von Angst und Gold, zerbrach in gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Ihr Exil ist eine permanente Grauzone. Sie existieren in einem juristischen Vakuum, entrechtet und isoliert. Die einst mächtigsten Frauen des Irak sind zu Bitstellerinnen geworden, die von Regierungen lediglich als peinliche Relikte einer vergangenen Ära betrachtet werden. Ihr Schicksal ist das finale Kapitel der Hussein-Dynastie: ein langsamer, öffentlicher sozialer Tod.
Ihre Geschichte ist mehr als eine Fußnote der Geschichte. Sie ist eine düstere Lehre über die Natur der Macht im Nahen Osten, die ihre Architekten im Sturz ebenso erbarmungslos verschlingt, wie sie sie zuvor erhob. Die goldenen Käfige sind leer, zurück bleiben gebrochene Frauen in der ewigen Wartezone des Exils.