Die Öffentliche Hinrichtung Von Ewa Paradies – Warnung Schwer Zu Ertragen

Danzig, 4. Juli 1946 – Unter der gleißenden Julisonne vollzieht sich auf dem Hügel Biskupia Górka ein beispielloses Strafritual. Vor den Augen von über 200.000 Menschen, mehr als die gesamte Stadtbevölkerung, werden elf zum Tode verurteilte Aufseher und Aufseherinnen des Konzentrationslagers Stutthof öffentlich hingerichtet. Unter ihnen: die 25-jährige Eva Paradies.

 

Die Szenerie wirkt wie ein makabres Theater. Elf Lastwagen des Typs GAZ AA, Motoren dröhnend, kriechen im Schritttempo an ihre Positionen. Auf ihren Ladeflächen stehen die Verurteilten, dicke Hanfschlingen bereits um den Hals. Die Menge an den Hängen verharrt in gespannter Stille, gebrochen nur durch das monotone Motorengeräusch.

 

Es ist der Schlusspunkt des ersten Stutthof-Prozesses. Ein polnisches Sondergericht verurteilte am 31. Mai 1946 dreizehn Angeklagte, darunter fünf Aufseherinnen, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Elf erhielten die Todesstrafe. Die jüngste unter ihnen: Eva Paradies aus Lauenburg.

 

Ihre Verbrechen wurden während des fünfwöchigen Prozesses minutiös rekonstruiert. Zeugen berichteten von sadistischen Quälereien im Außenlager Bromberg-Ost. Paradies, eine ehemalige Fabrikarbeiterin, befahl Häftlingen im bitterkalten Winter 1944, sich nackt auszuziehen, und übergoss sie mit eiskaltem Wasser. Wer versuchte, sich zu bewegen, um zu erwärmen, wurde geschlagen.

 

Viele der unterkühlten Frauen starben noch in derselben Nacht. Das Gericht sah in diesen Handlungen keine bloße Befehlsausführung, sondern eine eigeninitiierte, berechnende Grausamkeit. Ihre Verteidigung, sie habe nur Anweisungen befolgt, wurde verworfen.

Die polnischen Behörden entschieden sich für eine öffentliche Vollstreckung von symbolischer Wucht. Die Hinrichtung sollte für alle sichtbar sein, ein kathartischer Akt für eine zutiefst traumatisierte Gesellschaft. Zeitungen kündigten den Termin am Vortag an.

 

Die technische Vorbereitung war akribisch. Zimmerleute errichteten eine spezielle Galgenkonstruktion aus vier t-förmigen Doppelgalgen und einem zentralen Element für drei Personen. Das Design erzwang den „Short Drop“ – die Verurteilten fallen nur wenige Zentimeter, der Tod tritt durch langsames Ersticken bei vollem Bewusstsein ein.

 

Gegen 10 Uhr morgens verwandelt sich Biskupia Górka in eine riesige Arena. Familien, Überlebende des Lagers, Neugierige und sogar Kinder füllen die Hänge. Einige Überlebende meldeten sich freiwillig, um als Henker zu fungieren und selbst die Schlingen anzulegen.

Die Lastwagen positionieren sich. Neben Eva Paradies steht die 24-jährige Jenny-Wanda Barkmann, von der Presse „das schöne Gespenst“ genannt. Auf anderen Fahrzeugen warten die weiteren Aufseherinnen Elisabeth Becker, Wanda Klaff und die Oberaufseherin Gerda Steinhoff sowie Lagerkommandant Johann Pauls und fünf männliche Kapos.

 

Ein Signal ertönt. Die Fahrer lassen die Kupplung kommen. Die Lastwagen fahren mit einem Ruck vor. Die Plattformen unter den Füßen der Verurteilten verschwinden. Elf Körper pendeln abrupt in der Luft.

 

Der Todeskampf dauert Minuten. Die Körper zucken, die Beine treten ins Leere. Die Menge beobachtet das grausame Schauspiel in atemloser Stille. Erst nach etwa fünfzehn Minuten erlischt das letzte Lebenszeichen.

Die Leichen werden abgeschnitten und in namenlosen Gräbern verscharrt. Ihre Existenz wird ausgelöscht, wie sie es mit Tausenden Opfern in Stutthof taten. Die öffentliche Hinrichtung markiert das Ende eines justiziellen Kapitels, doch nicht das Ende der Aufarbeitung.

 

Bis 1953 folgten sechs weitere Stutthof-Prozesse. Die Jagd nach Tätern endete nie. Noch im Jahr 2022 stand eine 97-jährige ehemalige Sekretärin der Lagerverwaltung vor Gericht und wurde wegen Beihilfe zum Mord in über 10.000 Fällen verurteilt.

 

Das ehemalige Lagergelände ist heute eine Gedenkstätte. Sie erinnert an die 65.000 Menschen, die in Stutthof ermordet wurden. Das Schicksal der Eva Paradies steht exemplarisch für den „Luzifer-Effekt“ – die beunruhigende Wandlung gewöhnlicher Menschen zu willigen Vollstreckern in einem System, das Grausamkeit belohnte und Menschlichkeit auslöschte.

 

Ihre Geschichte ist eine ewige Warnung: Das Böse braucht keine Monster. Es gedeiht durch Gehorsam, Gleichgültigkeit und die schrittweise Entmenschlichung des Anderen. Die Bilder von Biskupia Górka, heute in digitalen Archiven zugänglich, zeigen diese Wahrheit in ihrer unerträglichsten Form.