Die Öffentliche Hinrichtung Von Ewa Paradies – Warnung Schwer Erträglich

Danzig, 4. Juli 1946 – Unter der gleißenden Sommersonne vollstreckte der polnische Staat heute das letzte öffentliche Todesurteil seiner Geschichte. Auf dem Bischofsberg erwarteten zehntausende Zuschauer die Exekution von elf Kriegsverbrechern aus dem Konzentrationslager Stutthof. Unter den Delinquenten befand sich die 25-jährige ehemalige SS-Aufseherin Ewa Paradies.

 

Die Luft auf dem Biskupia Gorka war heiß und schwer, als sich die Militärlastwagen mit den Verurteilten langsam den staubigen Hang hinaufquälten. Um 15:00 Uhr war das Plateau erreicht. Elf hölzerne Galgen schnitten in den blauen Himmel. Die Motoren verstummten, eine gespannte Stille legte sich über die Menge.

 

In der Ladefläche eines der Fahrzeuge stand Ewa Paradies. Ihr Blick ging ins Leere, während der Henker die grobe Hanfschlinge um ihren Hals legte. Das Seil mit einem Durchmesser von 27 Zentimetern lag auf ihrer nackten Haut. Vor ihr lag ein Weg, der in einer pommerschen Kleinstadt begann und in der Hölle von Stutthof endete.

 

Geboren am 17. Dezember 1920 in Lauenburg, entstammte Paradies einer bescheidenen evangelischen Familie. Nichts an ihrer Kindheit deutete auf das spätere Grauen hin. Mit 14 verließ sie die Schule, ein Schicksal, das sie mit 90 Prozent der Mädchen aus der Arbeiterklasse teilte.

 

Jahrelang schuftete sie in Fabriken in Wuppertal und Erfurt, ein Leben im Takt der Fließbänder, ohne Perspektive. Die nationalsozialistische Ideologie, die in den 1930er Jahren zum Sauerstoff der Nation wurde, sickerte auch in ihr Leben. Paraden, Propaganda aus dem Volksempfänger, Hass als Schulstoff – sie atmete dieses Gift täglich ein.

Im August 1944 änderte ein Marschbefehl alles. Die 23-Jährige wurde zwangsrekrutiert und zur Aufseherin im KZ Stutthof ausgebildet. Das Lager, 34 Kilometer östlich von Danzig, war bereits eine voll funktionierende Todesmaschinerie mit Gaskammer und Krematorium.

 

Ihr erster Einsatz führte sie in das Außenarbeitslager Bromberg-Ost. Hier, fernab der strengen Lagerleitung, entfaltete sich ihr sadistisches Potenzial. Zeugen berichteten dem Gericht von entsetzlichen Szenen im Winter 1944.

 

Bei minus 20 Grad befahl Paradies weiblichen Gefangenen, sich nackt auszuziehen. Sie goss sie mit eiskaltem Wasser ab und schlug auf die unterkühlten Körper ein, bis diese reglos im Schnee liegen blieben. Ihre Fäuste und ihre Peitsche waren gefürchtet.

Nach der Räumung des Lagers vor der heranrückenden Roten Armee tauchte Paradies zunächst in ihrer Heimatstadt unter. Doch polnische Offiziere spürten sie auf. Ihr Prozess begann am 25. April 1946 vor einem polnisch-sowjetischen Sondergericht in Danzig.

 

Fünf Wochen lang belasteten sie Überlebende. Das Gericht sah ihre Taten als eindeutig erwiesen an. Sie habe Gefangene zu Tode gequält, urteilten die Richter. Am 31. Mai verkündeten sie das Todesurteil für Paradies und zehn weitere Angeklagte.

 

Die polnischen Behörden entschieden, die Hinrichtung öffentlich zu vollziehen. Eine Ankündigung in der Zeitung „Dziennik Bałtycki“ lud die Bevölkerung ein. Bis zu 50.000 Menschen folgten dem Aufruf und drängten sich auf dem Bischofsberg.

Unter ihnen waren viele ehemalige Häftlinge, die Abschluss suchten. Doch auch schaulustige Neugierige waren darunter. Als der Fahrer des Lastwagens das Gaspedal durchtrat, ruckte das Fahrzeug vorwärts. Der Boden unter den Füßen der Verurteilten verschwand.

 

Elf Körper stürzten gleichzeitig in die Tiefe. Ein kollektiver Seufzer ging durch die Menge. Dann herrschte völlige Stille, gebrochen nur vom Sommerwind, der an den Galgen zerrte. Die Lastwagen fuhren davon und ließen die Toten zurück.

 

Mit dieser Massenexekution schrieb Polen ein düsteres Kapitel der unmittelbaren Nachkriegsjustiz. Es war eine inszenierte Vergeltung, ein staatliches Exempel, das die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Spektakel verwischte. Die Leichen blieben eine Stunde lang hängen, bevor sie abgenommen wurden.

 

Die Geschichte von Ewa Paradies steht exemplarisch für die Banalität des Bösen. Aus der unsichtbaren Fabrikarbeiterin wurde durch das giftige System des Nationalsozialismus eine mordende Aufseherin. Ihr Prozess und ihre Hinrichtung markieren das Ende einer Ära des Terrors und den schwierigen Beginn einer justiziellen Aufarbeitung.